Kapitel 2

Sonntag, Juni 26th, 2011

„Sie sind verbunden mit der Mailbox von Paulina Surbach. Bitte sprechen Sie nach dem Piep.“

Cornelius legte frustriert auf. Längst hatte er den Überblick verloren, wie oft er schon versucht hatte, Paulina persönlich am Handy zu erreichen. Das, was er mit ihr zu besprechen hatte, war zu vertraulich, um es auf Band zu sprechen. Allerdings lief ihm die Zeit davon. Je mehr Zeit verstrich, umso wahrscheinlicher war es, dass Paulina jemanden von ihren Beobachtungen erzählte.

Nicht auszudenken, was für Konsequenzen es nach sich ziehen würde, sollte Paulinas Entdeckung die Runde machen. Dann wäre er sowohl privat als auch beruflich am Ende. Schlimmer noch er würde seine Schwester und deren kleine Tochter mit in den Ruin reißen. Allein bei dem Gedanken daran, was für Konsequenzen ihnen durch seinen Fehler drohten, wurde ihm ganz elend zumute.

Gerade wollte er das Telefon erneut zur Hand nehmen, als er hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde und kurz darauf jemand in Stöckelschuhen über das Parkett stakste. Für einen kurzen Augenblick hoffte er Paulina sei zurückgekommen. Dann hätte er ihr alles in Ruhe erklären können. Von Angesicht zu Angesicht. Ehe sich Erleichterung in ihm breit machen konnte, registrierte er die kleinen unsicheren Trippelschritte seiner Besucherin.

„Hallo, Lilly. Sei so gut und zieh bitte die Schuhe deiner Mutter aus, bevor du dir die Beine brichst.“ Natürlich dachte seine Nichte nicht im Traum daran, seiner Aufforderung nachzukommen. Ganz im Gegenteil. Sie startete eine Charmeoffensive. Über beiden Ohren strahlend trippelte sie auf ihn zu und schlang zur Begrüßung die Arme um ihn. Dabei stieg ihm das Lieblingsparfum seiner Schwester in die Nase. Der Duft war so intensiv, dass er die Luft anhielt bis er sich wieder aufgerichtet hatte. Lilly hatte offensichtlich auch in den Schminksachen ihrer Mutter gewildert.

„Wo ist deine Mutter?“

„Mama ist einkaufen gefahren. Ich soll solange bei dir bleiben, bis sie zurück ist.“

„Was? jetzt?!“ Dies war wohl der ungünstigste Zeitpunkt, um seine Nichte zu beaufsichtigen. Solange Lilly bei ihm war und jedes seiner Worte mithörte, würde er nicht frei sprechen können.

„Ist deine Mama schon weggefahren?“

„Schon lange. Da hatte Wickie gerade angefangen.“

Cornelius fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Heute war einfach nicht sein Tag. Inzwischen hatte Lilly auch schon die Handtasche auf dem Sofa entdeckt und steuerte so zielstrebig darauf zu wie eine Motte aufs Licht.

„Lilly, die Tasche gehört dir nicht.“

„Dir aber auch nicht.“ Mit diesen Worten drehte sie die Tasche auf den Kopf und schüttete einmal kräftig, bis der Inhalt sich klappernd über das Sofa verteilte. Unter anderen Umständen hätte er die Situation sogar komisch gefunden, doch nach den Ereignissen am Morgen lagen seine Nerven blank.

„Lilly! Was soll denn das? Jetzt ist aber genug!“

Seine Nichte starrte ihn für einen Moment erschreckt an. In ihrer Gegenwart hatte noch nie einen so scharfen Ton angeschlagen.

„Tut mir leid, Lilly. So war das nicht gemeint.“

Seine Nichte fischte sich das Schminktäschchen heraus und strecke es ihm fordernd entgegen.

„Schminkst du mich, Onkel Conny? So wie bei meiner Geburtstagsfeier?“

„Nein. Vor allem nicht mit Schminksachen, die uns nicht gehören.“

„Aber Mama meint, dass du was bei mir gut machen musst!“

„Was müsste ich denn gut machen?“

„Weil deine Freundin mich heute Morgen im Treppenhaus fast umgerannt hat.“

Cornelius verzog das Gesicht. Da könnte er sich auf ein weiteres Standpauke von seiner Schwester gefasst machen. Diesmal vollkommen zu Recht. Lilly hatte genug daran zu knabbern, dass sie ohne ihren Vater aufwachsen musste. Sie musste nicht auch noch das verkorkste Liebesleben ihres Onkels miterleben.

„Tut mir leid, Lilly. Sie hätte besser achtgeben müssen.“

Lilly grinste breit, so dass ihre Zahnlücke sichtbar wurde. Ihm kam es so vor, als habe sie auf dieses Stichwort nur gewartet.

„Onkel Conny? Ich weiß auch schon, wie du das bei mir wieder gut machen kannst. Du gehst mit mir ein Eis essen. So ein großes Spaghetti-Eis.“

Cornelius bezweifelte zwar, dass ein Ausflug in die Eisdiele im Sinne seiner Schwester wäre, andererseits klang ein Tapetenwechsel wirklich verlockend. Ihm fiel die Decke auf den Kopf.

„Hilf mir schnell die Sachen zurück zu räumen, dann können wir gehen.“

Er hielt Lilly die Tasche hin und ließ sie Paulinas Habseligkeiten eine nach der anderen einräumen. Erst dabei fiel ihm auf, dass Paulina sowohl ohne Geldbeutel als auch ohne Schlüsselbund aufgebrochen war.

Hätte er vielleicht doch hinter ihr her gehen sollen? Nur wie, ohne sie noch mehr in Panik zu versetzen? Ihm blieb nur zu hoffen, dass sie ohne größere Unannehmlichkeiten nach Hause gekommen war. Immerhin konnte er unter diesen Umständen davon ausgehen, dass sie zumindest ein Interesse hatte, ihm die Tür aufzumachen.

„Ich dachte, es ist nicht erlaubt in fremden Sachen zu stöbern?“, beschwerte sich Lilly, als er die Geldbörse nach Paulinas Papieren untersuchte. „Ich suche nach der Adresse, wo ich die Tasche abgeben kann.“

Lilly runzelte ungläubig die Stirn, sagte aber nichts weiter. Sie wartete gerade lange genug, bis er den Reißverschluss der Handtasche zugezogen hatte, ehe sie seine Hand packte und zur Tür stürmen wollte. „Nicht rennen. Und zieh lieber deine Sandalen an. Ich warte draußen auf dich.“

„Aber es macht viel mehr Spaß in Stöckelschuhen zu laufen.“

„Meinetwegen darfst du die Schuhe anlassen.“

Lilly schenkte ihm ein triumphierendes Lächeln. Wieder einmal hatte sie sich gegen ihn durchgesetzt. Aber es störte ihn kein bisschen. Im Gegenteil. Es bereitete ihm eine stille Genugtuung, nicht so zu sein wie sein Vater. Er würde aus seiner Nichte keinen dressierten Affen machen.

Als sie die Treppen hinuntergingen nahm er vorsorglich Lilly bei der Hand, um sie abzustützen. Es dauerte eine Weile bis Lilly in den viel zu großen Schuhen, die Stufen hinunter geklettert war.

„Wer war denn die Frau von heute Morgen?“ wollte Lilly wissen, als sie endlich die Straße in Richtung Mühlburger Tor entlang schlenderten. Cornelius überlegte einen Moment. Nachdem ihm nicht einfiel, wie er die Wahrheit jugendfrei verpacken sollte, griff er zu einer altbewährten Notlüge.

„Eine alte Schulfreundin.“
„Deine Klasse war aber ganz schön groß.“

Cornelius musste schmunzeln. Er war nur froh, dass sich die Kleine nicht darüber wunderte, dass immer nur Freundinnen über Nacht blieben.

„Ich glaube, wenn ich groß bin, kommt mich niemand besuchen.“

„Wieso denn das, Lilly?“

„Weil die alle voll gemein sind. Die sagen immer so doofe Sachen.“
„Was für Sachen?“

Lilly schaute flüchtig zu ihm auf, ehe sie den Kopf senkte. Sie hatte mehr gesagt als beabsichtigt. Aus ihrem Verhalten nahm er an, dass sie sich noch niemanden anvertraut hatte. Er ging in die Hocke, so dass sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden.

„Ging es um deinen Papa?“

Lilly schüttelte den Kopf. Sie biss sich auf die Unterlippe und zog die Stirn in Falten. „Versprichst du mir nicht böse zu werden?“

„Versprochen.“

„Die haben gesagt, dass du gestört bist. Weil du ….“

Mehr musste sie nicht sagen. Cornelius wusste, worauf sie hinaus wollte. Früher oder später hatte es dazu kommen müssen.

Das flaue Gefühl in seinem Magen verstärkte sich, als er sich ausmalte, wie viel Schlimmer es Lilly ergehen könnte, wenn Paulina die Bombe platzen ließ. Erinnerungen an seine eigene Schulzeit drängten in sein Bewusstsein. Etwa wie sie ihn kopfüber in die Toilette gedrückt hatten und die Spülung solange gezogen hatten, bis der Wasserkasten leer war. Fast glaubte er wieder den Geschmack von Toilettenreiniger und Schmutzwasser zu schmecken.

„Am besten du ignorierst das Gerede, Lilly. Du weißt es besser. Irgendwann werden deine Mitschüler schon damit aufhören.“

Seine Nichte schien nicht überzeugt. Aber was sollte er ihr sonst raten? Er erinnerte sich noch zu genau daran, was passiert war, als seine Schwester und er versucht hatten sich zur Wehr zu setzten. Alles war nur noch Schlimmer geworden.

„Soll ich mit deiner Lehrerin sprechen?“
„Nein! Dann denken die anderen ich hätte gepetzt. Ich bin aber keine Petze!“

„Du sagst mir oder deiner Mama Bescheid, wenn die anderen Kinder nicht aufhören. Das ist kein Petzen. Wir überlegen uns dann zusammen, was wir machen können.“

Lilly nickte erleichtert. Für sie schien das Thema damit abgehakt. Sie hatte glücklicherweise keine Ahnung davon, was für einen Patzer sich ihr Onkel geleistet hatte. Wenn es nach ihm ginge, dann würde sie das auch nie erfahren. Am liebsten hätte er an Ort und Stelle zum Handy gegriffen, um Paulina ein weiteres Mal anrufen. Das Missverständnis musste er dringend aus der Welt schaffen.

Nachdem sie ihr Herz ausgeschüttet hatte, war Lilly des Wartens müde und zog ihn unter Einsatz ihres gesamten Gewichts weiter in Richtung Eisdiele. Wenig später passierten sie die Christuskirche und den Kaiserplatz. Die Eisdiele war bei diesem Wetter gut besucht. Die meisten Gäste saßen an den Tischen in der Nähe der Straße, um den Blick auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und die Kirche zu haben. Im Schein der Sonne wirkten die Mauern aus rotem Sandstein mit den Jugendstil Verzierungen richtig feierlich. Nur die Baustelle vor dem Eingang störte das Bild. Der Rasen vor der Kirche war mit einem Bauzaun versperrt. Dahinter hatten bereits die ersten Probebohrungen für die geplante U-Bahn-Strecke durch die Karlsruher Innenstadt begonnen.

Cornelius fand einen kleinen Tisch für sich und Lilly. Er gab seiner Nichte schweigend die Karte und ließ sie in Ruhe darin stöbern. Indessen zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er Paulina die Angelegenheit am besten erklärte und wie er sich am besten ausdrückte, um weitere Missverständnisse auszuräumen. Warum hatte er auch vergessen, das Fotolabor abzuschließen?

Dabei hatte er alles so minutiös geplant, um sein Projekt geheim zu halten. Zunächst hatte er die alte Spiegelreflexkamera seines Vaters hervorgekramt und sein Umfeld davon überzeugt, dass das Fotografieren sein neustes Steckenpferd war. Inzwischen wunderte sich niemand mehr, wenn er seine Kamera im Gepäck hatte. Die Aufnahmen der Leichen hatte er heimlich während seiner Arbeit gemacht. Um peinliche Rückfragen zu vermeiden, hatte er sich die notwendigen Kenntnisse angeeignet, um seine Bilder selbst zu entwickeln. Dank seiner Nichte hatte er sogar eine wunderbare Ausrede, warum er das Fotolabor stets abschloss. Die Chemikalien offen herumstehen zu lassen, wäre schlichtweg fahrlässig gewesen. Abgesehen davon hatte er genau solche Zwischenfälle wie an diesem Morgen vermeiden wollen.

„Onkel Cornelius?“ Lilly zupfte ihn am Ärmel. „Die Frau will wissen, was du haben willst.“

Cornelius schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass die Bedienung, eine überaus hübsche Brünette, an ihren Tisch getreten war. Sie musste neu im Team sein, sonst wäre sie Cornelius aufgefallen. Er beeilte sich ihre Namen von ihrem Revers abzulesen. Carmen.

„Einen doppelten Espresso, bitte. Und für meine Nichte…“

„Ich habe schon bestellt. Pass doch auf.“ Lilly kicherte vergnügt und warf einen verschwörerischen Blick zu Carmen herüber.

„Muss ich jetzt einen Kredit aufnehmen?“ wollte Cornelius augenzwinkernd wissen.

„Das weiß ich nicht. Aber ich hoffe der Rest vom Kindergeburtstag kommt noch.“

„Lilly!“

„Was denn? Ich habe gesagt, sag Stopp.“

„Carmen, wären Sie bitte so freundlich die Bestellung abzuändern? Ein Spaghetti-Eis sollte genügen. Und entschuldigen Sie die Umstände vielmals.“

Carmen nickte gelassen und strich großzügig auf ihrem Notizblock herum.

„Ich will aber kein Spaghetti-Eis mehr!“

„Was möchtest du dann, Lilly?“

Carmen schien Mitleid mit ihm zu haben. „Was hältst du davon, du kommst hinter die Theke und wir stellen dir einen eigenen Eisbecher zusammen?“

Sie streckte Lilly die Hand hin und begleitete sie zur Theke. Lilly war so außer sich vor Freude war, neues Territorium zu erkunden, dass sie nicht bemerkte, wie Carmen sich mit Handzeichen darüber verständigte, wie groß der Eisbecher werden sollte. Cornelius beschloss im Stillen, hier öfters vorbeizuschauen. Er war sich sicher, dass er bei Carmen gute Chancen hatte. Zumindest bis sie zu dem Punkt kamen, an dem sie ihn nach seinem Broterwerb fragte. Das war bisher immer so gewesen.

„Aber, aber.“, hörte er eine Männerstimme in vorwurfsvollen Ton sagen. Jemand drückte ihm kurz mit der Hand auf die Schulter. Noch ehe Cornelius reagieren konnte, ließ sich ein Mann lässig auf den Stuhl neben ihn sinken. Die Arme hatte sein Gegenüber lässig hinter seinem blonden Lockenschopf verschränkt. „Wo hast du denn die süße Paulina gelassen?“

Für einen Moment war Cornelius versucht, Sebastian mit einigen deutlichen Worten zum Teufel zu jagen. Nachdem was sich dieser Mensch gestern Nacht geleistet hatte, wäre das eine keineswegs übertriebene Reaktion gewesen. Letztlich gewann seine besonnene Seite die Überhand. „Guten Tag, Sebastian. Paulina ist nach Hause gefahren.“

„Tatsächlich? Ihr Auto parkt immer noch die Straße runter.“

Cornelius hob die Schultern und tat gleichmütig. Natürlich parkte das Auto noch immer dort. Er hatte Paulina die Autoschlüssel abgenommen, damit sie nicht betrunken nach Hause fuhr.

„Hat wohl nicht gefunkt zwischen euch beiden, wenn du jetzt schon die nächstbeste Bedienung anbaggerst.“

„Ich würde es sehr begrüßen, wenn du deine Unterstellungen für dich behalten würdest.“ Cornelius war selbst überrascht, wie gelassen er sich anhörte. Doch gerade das schien bei Sebastian einen Nerv zu treffen.

„Unterstellung? Im Gegensatz zu dir ist Paulina für mich mehr als nur ein billiger One-Night-Stand!“ Die letzten Worte hatte Sebastian so laut ausgesprochen, dass sie in der gesamten Eisdiele zu hören waren. Carmen schaute schon mit großen Augen herüber. Hervorragend!

„Sebastian ich will hier und jetzt keinen Streit vom Zaun brechen. Da drüben steht meine kleine Nichte und wenn du einen Funken Anstand hast, lässt du die Angelegenheit auf sich beruhen.“

„Was bist du doch für ein elender Schisser!“ zischte Sebastian abfällig. „Versteckst dich hinter einem kleinen Mädchen.“

„Du gehst jetzt besser.“

„Verdammtes Arschloch! Wenn du nicht gewesen wärst…!“

Das Selbstmitleid, mit dem Sebastian dies sagte, war genug, um Cornelius vor Wut überschäumen zu lassen. Die Worte verließen seinen Mund schneller, als seine Vernunft ihm gebieten konnte, selbigen geschlossen zu halten und sein Gegenüber nicht weiter zu provozieren.

„Hättest du leichtes Spiel gehabt? Denk bloß nicht, ich hätte nicht mitbekommen, was für eine miese Nummer du abziehen wolltest.“

Sebastian knallte die Hände auf den Marmortisch und beugte sich zu Cornelius vor. „Das nimmst du zurück!“

Das wäre ein guter Moment gewesen, um irgendetwas Versöhnliches zu sagen, bevor die Situation weiter eskalieren konnte. Seit dem Kindergarten hatte Cornelius keine Schlägerei begonnen, geschweige denn gewonnen. Trotzdem brachte er es diesmal nicht über sich nachzugeben.

„Wozu? Nachdem, was du dir gestern Abend geleistet hast, hast du bei Paulina bestimmt keine Chancen mehr.“

„Das werden wir noch sehen.“ Sebastian beugte sich noch näher zu Cornelius, um ihm zuzuflüstern: „Halt dich von Paulina fern oder du wirst es bereuen.“

Cornelius zweifelte keine Sekunde daran, dass Sebastian seine Drohung durchaus ernst meinte.

 

***

 

Etwa eine Stunde und eine Schwarzfahrt später stand Paulina in der Lokalredaktion des „Karlsruhe Boten“. Bis vor wenigen Wochen war sie als freie Mitarbeiterin in diesen Räumlichkeiten ein und aus gegangen. Das Großraumbüro war wie ausgestorben. Für einen Sonntag mitten im Sommerloch war dieser Umstand allerdings nicht außergewöhnlich.

Paulina wusste, dass Luca Cammarota immer das erste Wochenende im Monat Bereitschaft hatte. Mit ihm wollte sie sprechen. Er war ihre letzte Hoffnung ohne Schlüsseldienst in ihre Wohnung zu kommen.

Luca hielt sich in seinem Büro auf, dessen gläserne Wände Paulina an eine Ameisenfarm erinnerten. Genau genommen gab es zwischen der erwarteten Arbeitsmoral eines aufstrebenden Redakteurs und der einer Ameise kaum Unterschiede. Als wolle Luca seine Aktivität unter Beweis stellen, schritt er in seinem Verschlag auf und ab, während er mit der einen Hand den Hörer ans Ohr presste und mit der anderen gestikulierte als würde er ein Orchester dirigieren. Aus leidiger Erfahrung wusste sie, dass er das immer tat, wenn sich sein Gesprächspartner nicht nach seinem Willen verhielt.

Um Lucas Aufmerksamkeit zu erlangen, winkte Paulina ihm ein paar Mal zu, worauf sich sein Gesicht merklich verfinsterte.  Mit einer knappen Handbewegung gab er ihr zu verstehen, draußen zu warten. Dann drehte er ihr demonstrativ den Rücken zu, als wolle er auch seine Mimik vor ihr verbergen. Die Zeiten, in denen sie vertrauliche Gespräche mit anhören durfte, waren offensichtlich vorbei.

Um nicht herumzustehen, wie bestellt und nicht abgeholt, wollte sie die Wartezeit nutzen, um Hanna endlich mitzuteilen, dass es ihr gut ging und sie nicht Opfer eines Serienkillers geworden war. Weil ihr Handy sie schmählich im Stich gelassen hatte, blieb ihr nichts anderes übrig als  sich an einem der vielen Festnetztelefone im Großraumbüro zu bedienen. Aus Gewohnheit setzte sie sich an ihren früheren Arbeitsplatz und wählte Hannas Festnetznummer. Während sie auf ein Freizeichen wartete, nutzte sie die Gelegenheit, zu begutachten, wie ihre Nachfolgerin den Schreibtisch umgestaltet hatte. Isabella hatte das verkratzte Schreibtisch-Set aus billigem Plastik, das Generationen von Volontären benutzt hatten, gegen ein neues aus schickem Edelstahl ausgetauscht. Eine Schreibunterlage aus feinem Leder hatte sie sich auch gegönnt. Damit stach sie sogar die langjährigen Mitarbeiter aus. Paulina musste nicht erst ihr Soziologiestudium bemühen, um zu erkennen, was das über Isabellas Stand in der Hackordnung aussagte. Das Foto von Isabella und ihrem Freund sprach Bände. Der Mann darauf hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Luca. Hatte die Frau überhaupt kein Schamgefühl?

Unglücklicherweise war die Leitung von Hanna besetzt. Paulina blieb also nur zu hoffen, dass Hanna nicht gerade dabei war die Polizei zu verständigen. Vorsichtshalber hinterließ sie ihrer Freundin jeweils eine kurze Nachricht auf dem Anrufbeantworter und der Mailbox, in der sie beteuerte nicht das Opfer eines Serienkillers geworden zu sein.

„Meine Güte, wie siehst du denn aus?“ empfing Luca sie schließlich. „Wie eine abgestürzte Bordsteinschwalbe.“

Paulina versuchte vergeblich die Kränkung wegzulächeln. Verzweifelt suchte sie nach einer schlagfertigen Entgegnung, mit der sie auf Lucas Spott reagieren könnte. Es war zum Mäuse melken! Während der gesamten Busfahrt vom Europaplatz bis nach Neureut hatte sie sich ausschließlich darüber den Kopf zerbrochen, was sie sagen könnte, um nicht wie eine Närrin da zu stehen. Letztlich war alles was sie hervorbrachte: „War eine harte Nacht.“

Für diese Entgegnung hätte sie sich am liebsten selbst in den Hintern getreten. So etwas nannte man Selbstdemontage.

Luca musterte sie nochmals vom Scheitel bis zur Sohle, dann begann er lauthals zu lachen. „Mann, siehst du fertig aus. Hast du eine Wette verloren, dass du in so einem Aufzug hier aufkreuzt?“

„Ich habe mich aus meiner Wohnung ausgesperrt. Ich will meinen Schlüssel wiederhaben.“

Immer noch grinsend, kramte Luca eine Weile in der Schublade seines Schreibtischs, ehe er fündig wurde und ihren Wohnungsschlüssel hervorzauberte. Statt den Schlüssel zurückzugeben, ließ er ihn jedoch gleich wieder in der Brusttasche seines Polohemds verschwinden.

Paulina ersparte es sich, den Schlüssel auf der Stelle einzufordern. Sie kannte Luca gut genug, um zu wissen, dass er ihr den Schlüssel nur zu seinen Bedingungen herausgeben würde.

„Kaffee, Paulina?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, stellte Luca zwei Tassen in den Kaffeevollautomaten und ließ sie mit seinem berühmt berüchtigten Kaffee auffüllen. Er trank ihn schwarz und ohne Zucker und setzte diese Vorliebe für alle seine Gäste als gegeben voraus.

„Setz dich doch.“, forderte er sie auf, als er ihr die Tasse in die Hände drückte. „Wie ich gehört habe, hast du dich bei der Konkurrenz beworben.“

Paulina ließ sich mit einer Entgegnung Zeit und blies ein paar Mal auf ihren Kaffee. So sehr sie dagegen ankämpfte, fühlte sie sich ungemein geschmeichelt, dass er sie nicht völlig aus den Augen verloren hatte.

„Wie ich gehört habe, gibt es beim „Karlsruher Boten“ eine klare Favoritin für die Volontariatsstelle und die bin offenbar nicht ich.“

„Falsch. Das Rennen ist wieder offen. Gerade hat Isabella angerufen. Sie geht nach München.“

„Klingt nach Fernbeziehung.“

„Nicht mit mir.“

Paulina konnte nur mit Mühe ein schadenfrohes Grinsen unterdrücken. Da hatte Luca wohl auf das falsche Pferd gesetzt.

„Wie läuft es bei dir so?“ wollte Luca wissen. Sein anzügliches Lächeln verriet Paulina zu deutlich, welchem Bereich ihres Privatlebens sein Interesse galt.

„Kann nicht klagen.“ Sie würde ihm bestimmt nicht auf die Nase binden, dass sie immer noch Single war und darüber hinaus gerade Bekanntschaft mit dem hiesigen Norman Bates gemacht hatte.

Sie saßen sich eine ganze Weile schweigend gegenüber. Paulina starrte in den Kaffee, den sie nicht trinken wollte, nur um Luca nicht in die Augen blicken zu müssen.

„Hast du noch Interesse als Volontärin beim Boten anzufangen?“

Paulina wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Selbstverständlich wollte sie für den Karlsruher Boten arbeiten. Aber wollte sie dafür in Kauf nehmen, Luca noch einmal zum Chef zu haben?

Luka fischte eine Klemmmappe von seinem Schreibtisch. „Was hältst du davon? Du übernimmst ein Projekt für mich und im Gegenzug verspreche ich dir, mich für deine Übernahme einzusetzen.“

Paulina überlegte kurz, ob sie sich auf Lucas Angebot einlassen sollte. Sie hatte sich schon einmal auf eine mündliche Zusage von Luca verlassen. Eine Woche später hatte er sich von ihr getrennt und die Stelle Isabella zugeschustert. Andererseits war Paulina bei der Konkurrenz ein nahezu unbeschriebenes Blatt und hatte folglich kaum Aussichten in naher Zukunft fest angestellt zu werden.

„Worum geht es?“

„Du sollst einen Nachruf über Bertram Viersen schreiben. Schon von dem Mann gehört?“

Paulina nickte. Gerade erst heute Morgen hatte sie diesen Namen gehört, als sie im Badezimmer des Psychos festgesessen hatte. Das konnte kein Zufall sein.

Sie nahm das Dossier an sich und schlug es auf. Luca hatte bereits das Zeitungsarchiv bemüht. Der Karlsruher Bote hatte bereits mehrfach über Viersen und seine Firma berichtet.

„Wie du siehst, war Viersen der Geschäftsführer der Bio-Strom GmbH. Die Firma ist in massiven Geldschwierigkeiten. Wer weiß, was der Tod von Bertram Viersen in den nächsten Tagen noch so an Tageslicht bringt.“

Paulina nickte geistesabwesend. Sie war in ein Foto vertieft, das Viersen als Teilnehmer beim jährlichen Stadtmarathon zeigte. Sie versuchte sich gerade vorzustellen, wie der sportbegeisterte Geschäftsmann mit dem breiten Haifischgrinsen als Leiche aussehen würde. Ja, sie hatte Bilder des Verstorbenen in der Dunkelkammer gesehen.

„Woran ist Viersen gestorben?“

Herzinfarkt. Auf der eigenen Geburtstagsfeier. Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.“

Ist es denn hypothetisch möglich jemanden zu strangulieren oder zu erwürgen, ohne sichtbare Verletzungen am Hals zu hinterlassen? Paulina gingen die Worte nicht mehr aus dem Kopf.

„Ich klemm mich sofort dahinter, Luca.“

„Vielleicht willst du dich zuerst einmal umziehen.“ Er schob ihr den Schlüssel über den Schreibtisch. „Und das Hemd würde ich gleich in den Müll werfen. Ein Typ, der eine Frau in so einem Aufzug ziehen lässt, taugt nichts. Gar nichts.“

Diesmal gelang es Paulina nicht, ihr Grinsen zu unterdrücken. Er hatte noch Interesse an ihr. Er war eifersüchtig.