Kapitel 3

Sonntag, Juli 17th, 2011

Es war das erste Mal, dass Paulina froh war wieder in ihrer Wohnung in der Petrus-Waldus-Straße zu sein. Auch nach mehr als einem Jahr fühlte sie sich in der Souterrainwohnung nicht wie daheim. Ihr kam es so vor als hause sie in einem möblierten Fahrradkeller. Es roch sogar ein wenig nach Fahrradreifen. Dafür war die Wohnung in akzeptabler Nähe zum Karlsruher Boten gelegen und vor allem belastete die Miete Paulinas spärliches Einkommen nicht übermäßig. Letzteres war der einzige Grund, warum sie noch nicht längst umgezogen war. Wenn sie sich beim Fall Viersen nicht ganz ungeschickt anstellte und Lucca eine gute Story ablieferte, dann wären ihre Tage in diesem Kellerloch auf jeden Fall gezählt. Nur dieser Gedanke war es, der sie davon abhielt, sich nach einer heißen Dusche sofort aufs Ohr zu legen und den restlichen Tag zu verschlafen.

Stattdessen zog sie sich mit einer Tasse Kamillentee und der Aktenmappe über Bertram Viersen in ihr Bett zurück. Der Verstorbene hinterließ seine Frau Sigrid und seinen sechszehnjährigen Sohn René. Zum ersten Mal war er in der Presse in Erscheinung getreten, als er die Firma Bio-Strom GmbH vor fünf Jahren gemeinsam mit einem gewissen Dr. Sven Thies gegründet hatte. Damals waren die beiden als Umweltpioniere auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien von der Presse gefeiert worden. Geschickt hatte sie es verstanden, sich von den negativen Schlagzeilen um die Müllverbrennungsanlage in Maximiliansau abzugrenzen, die hinter vorgehaltener Hand nur noch Thermodefekt genannt wurde. Viersen hatte vollmundig angekündigt, die neue Filtertechnik würde die Müllverbrennung auf einen Schlag revolutionieren. Doch bereits wenige Monate später hatte der Bote über die ersten finanziellen Schwierigkeiten der Bio-Strom GmbH berichtet. Als Ursache waren Rückschläge bei der Entwicklung der neuen Filtertechnik angegeben worden. Schließlich war es sogar nötig geworden, einen weiteren Investor, einen gewissen Robert Bahring, hinzuzuholen, um die Firma vor der vorzeitigen Pleite zu retten. Abgesehen von den Geldschwierigkeiten enthielt die Mappe keine weiteren interessanten Informationen.

Paulina angelte sich ihr Notebook, das seitlich am Bettkasten lehnte und ließ es hochfahren. Sie wollte gerade die ersten Schlagworte in das Eingabefeld der Suchmaschine tippen, als ihr Chatprogramm aufblinkte.

SÜDSTADT_KÜKEN: Paulchen? Bist du da?

PAULINA: Hallo Hanna! Bin gerade Heim gekommen.

SÜDSTADT_KÜKEN: Alles in Ordnung mit dir?

PAULINA: Halbwegs.

SÜDSTADT_KÜKEN: Fahre gleich zu dir. Dann reden wir über alles. Bringe Pizza mit. Also mach mir diesmal gleich die Tür auf. Ich klinge nicht dreimal. J

Damit ging Hanna offline. Paulina notierte sich nur noch schnell die Namen, der Familienangehörigen und Geschäftspartner, mit denen sie über Betram Viersen sprechen wollte. Dann vertagte sie weitere Recherche notgedrungen auf später. In spätestens einer halben Stunde würde Hanna auf der Matte stehen und in der Wohnung sah es aus als wären die Vandalen eingefallen.

Die Wohnküche sah besonders schlimm aus. Der Inhalt des Mülleimers hatte eine Woche Zeit gehabt vor sich hin zu gären und verpestete die Luft mit dem Geruch von faulendem Gemüse. Das Geschirr türmte sich auf dem Esstisch und im Waschbecken. Dafür stand der Geschirrschrank leer.

Mit angehaltenem Atem riss Paulina das Küchenfenster auf und packte den Plastikbeutel mit spitzen Fingern, um ihn mit ausgestrecktem Arm nach draußen zu den Mülltonnen zu tragen. Auf dem Rückweg klemmte sie in Ermangelung besserer Alternativen jeweils einen Flip-Flop zwischen die Haus- und einen zwischen die Wohnungstüre, damit sie nachher nicht mitten im Abwasch zur Türe rennen musste. Paulina musste dreckiges Geschirr auf den kleinen Küchentisch und den Kachelboden stellen, um in dem kleinen Waschbecken überhaupt mit dem Spülen beginnen zu können. Es war kein Vergnügen, die eingetrockneten Essensreste abzuschrubben. Nach ihrem Umzug würde sie als erstes eine Spülmaschine anschaffen, dann musste sie sich nicht jedes Mal über ihre eigene Faulheit ärgern.

Etwa eine Viertelstunde später hörte sie Schritte im Treppenhaus. Wie auf ein Stichwort begann Paulinas Magen in Vorfreude auf eine warme Pizza zu knurren.

„Paulina?“ hörte sie eine nur zu bekannte Männerstimme rufen. Ihr lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Der Psycho hatte sie tatsächlich bis zu ihrer Wohnung verfolgt!

Vor Schreck fiel Paulina die gläserne Teekanne, die sie gerade abgetrocknete, aus den Händen und zersprang auf dem Boden in tausend kleine Scherben. Das Klirren riss sie aus ihrer Erstarrung. Wenn sie schnell genug war, konnte sie ihn vielleicht noch aussperren

Sie rannte los und trat barfuß mit dem ersten Schritt auf einen Splitter. Sie biss die Zähne zusammen und hinkte weiter. Direkt in seine Arme.

Wie er in Anzug und Krawatte vor ihr stand, war ihr mit einem Schlag klar, wieso sie gestern mit ihm nach Hause gegangen war. Trotzdem wich sie vorsichtshalber vor ihm zurück. Dabei stieß sie mit dem verletzten Fuß gegen den Türrahmen. Sie spürte, wie sich das Glas tiefer in ihre Ferse bohrte. Es tat höllisch weh.

„Du hast ja Nerven hier aufzukreuzen!“ brach es aus ihr heraus. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal jemanden derart angebrüllt hatte. „Sieh zu, dass du Land gewinnst, du Spinner!“

Für einen kurzen Moment fürchtete Paulina schon zu weit gegangen zu sein, als sie bemerkte, wie der Blick ihres Gegenübers zu ihr, nervös um nicht zu sagen fahrig zur Haustüre und wieder zu ihr zurück wanderte. Anstatt sie zu attackieren, streckte er ihr lediglich Handtasche und Pumps entgegen.

„Bitte, Paulina. Es gibt keinen Grund sich aufzuregen. Ich bin hier, um dir deine Sachen zurückzubringen.“

Paulina war so perplex, dass sie beides an sich nahm. „Dann kannst du ja jetzt verschwinden… ähm… gehen. Ich bekomme gleich Besuch.“

Nur mit Mühe widerstand sie der Versuchung, nachzusehen, ob ihre Schlüssel an ihrem Platz waren. Ob die Zeit ausgereicht hatte, um sich eine Kopie machen zu lassen? Besser sie ließ einen Schlüsseldienst kommen und das Schloss austauschen. Das war zwar teuer, aber immerhin besser, als ständig in Angst davor zu leben, dass ihr nekrophiler Freund sie eines Tages mit seiner Garotte oder seinem indischen Halstuch besuchte.

„Zuerst möchte ich ein paar Dinge klarstellen, Paulina. Darf ich die Haustür schließen?“

„Nur über meine Leiche!“  Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen. Am Ende verstand der Psycho ihren freudschen Versprecher noch als Einladung! „Ich erwarte noch Besuch.“

„Gut. Ich bin auch gleich fertig.“ Er schob sich an ihr vorbei in die Küche, schnappte sich einige Blätter Küchenpapier und begann die Scherben vom Boden aufzulesen. Natürlich nicht, ohne zuvor seine Krawatte über seine Schulter zu legen.

„Was?!“

„Ich weiß, dass du die Fotos gesehen hast. Mir ist es sehr wichtig, dass du daraus nicht die falschen Schlüsse ziehst.“ Er blickte über die Schulter zu ihr auf und schenkte ihr ein gequältes Lächeln.

„Wenn du bei mir jetzt deine Lebensbeichte ablegen willst, bist du definitiv an der falschen Adresse.“, fauchte Paulina ohne nachzudenken. Sie glaubte ein unheimliches Déjà-Vu zu erleben. Anderer Mann, andere Geschichte, aber definitiv die gleiche peinliche Situation mit ihr als Hauptdarstellerin. Warum musste sie immer an den Abschaum der Männerwelt geraten? Erkannte sie die Warnzeichen nicht, die andere Frauen einen weiten Bogen um diese Männer machen ließen? Oder war sie so kaputt, dass sich nur solche Kerle mit ihr abgeben wollten?

Sie wünschte Hanna würde endlich kommen und ihr aus dieser misslichen Lage helfen.

„Ich bin Bestattungsunternehmer.“ Er griff mit Daumen und Zeigefinger in die Innentasche seines Anzugs und zog eine Visitenkarte hervor. Paulina überflog sie kurz, machte aber keine Anstalten die Karte entgegen zunehmen.

 

Trauerhilfe Gruber (gegr. 1876)

Familiennahe Begleitung im Trauerfall

Inhaber: Cornelius Gruber & Cornelia Tauber

Am Hauptfriedhof 7

 

Paulina war nun endgültig verwirrt. Hatte Hanna nicht erwähnt, dass sie mit einem gewissen Bastian geflirtet hatte? Wieso war sie dann neben diesem Cornelius Gruber aufgewacht?

„Genau genommen arbeite ich als Thanatopraktiker.“, fuhr Cornelius fort und legte seine Visitenkarte auf den Küchentisch. „Zu meinen Aufgaben gehört auch die Einbalsamierung der Verstorbenen. Die Fotos waren für eine Fachzeitschrift gedacht.“

„Klar. Und was war mit den Aufnahmen der Trauerfeiern? Anschauungsmaterial?“, hakte Paulina nach, um ihr Gegenüber aus dem Konzept zu bringen. Luca hatte einmal behauptet, für einen guten Journalisten sollte das Fragenstellen ebenso selbstverständlich sein wie der Schnappreflex für einen Raubfisch.

„Du hast meine Schubladen durchsucht?!“ Hatte sie sich gerade verhört oder hatte sie Irritation in seiner Stimme gehört?

„Wir wollen nicht abschweifen. Warum interessiert du dich dafür, ob man einen Menschen hypothetisch erwürgen kann, ohne Würgemale zu hinterlassen?“

„Das Telefongespräch hast du auch belauscht?!“

„Verklag mich doch.“

Cornelius schüttelte den Kopf als wäre er ratlos. „Weißt du, wie viele Morde unentdeckt bleiben, weil der Arzt vor Ort bei der Untersuchung des Verstorbenen nicht einmal Dienst nach Vorschrift macht?“

Als Paulina die Schultern hob, fuhr er fort: „Eintausend Morde werden jedes Jahr in Deutschland entdeckt. Laut Dunkelziffer bleiben aber mehr als doppelt so viele Morde unentdeckt. Etwa 2400 Morde pro Jahr.“

„Willst du mir damit sagen, du bist so eine Art Hobbydetektiv?“

„Natürlich nicht. Ich habe besseres zu tun als die Angehörigen des Verstorbenen des Mordes zu beschuldigen.“

„Aber?“

„Sofern mir etwas bei meiner Arbeit auffällt, was auf einen gewaltsamen Tod hindeutet, informiere ich die Behörden.“

Das klang in Paulinas Ohren immer noch nach einer jämmerlichen Ausrede. Schließlich verlangten die Behörden sicherlich keine Beweisfotos, um die Ermittlungen aufzunehmen. Um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen, verkniff sie es sich ihn nochmals darauf hinzuweisen.

„Was war bei diesem Bertram Viersen nun so auffällig?“ Wenn sie Luca beeindrucken wollte, dann brauchte sie einen Informationsvorsprung gegenüber den Reportern anderer Blätter.

Zunächst schien sich Cornelius um eine Antwort drücken zu wollen. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck hielt er das Küchentuch mit den Scherben in die Höhe. Es dauerte einen Moment, ehe Paulina begriff, was er von ihr wollte. Sie deutete unter die Spüle, wo die Müllbeutel und der Kehrbesen lagen. Mit wachsender Ungeduld beobachtete sie, wie Cornelius die letzten Splitter zusammenfegte, die Scherben in einen neuen Müllbeutel entsorgte und den Beutel im Mülleimer befestigte. Als nächstes begann er sich die Hände mit Spülmittel zu waschen. Er ging dabei so gründlich zu Werke als wolle er die Ratschläge der Weltgesundheitsorganisation zur Vermeidung von Tröpfcheninfektionen demonstrieren.

„Verrätst du mir, wo die Pflaster sind?“ wollte er von ihr wissen.

„In der rechten Schublade neben der Spüle. Hast du dich geschnitten?“

„Nein. Aber du offensichtlich. Steckt der Glassplitter noch drin? Soll ich mir deine Ferse einmal anschauen?“

Paulina blickte sehnsüchtig zur Haustür. Wo blieb Hanna? Sie wollte mit diesem Mann keine Minute länger allein sein. Schon gar nicht wollte sie, dass dieser Mann ihren verletzten Fuß versorgte. Schon die Vorstellungen, dass er Leichen präparierte, ließ ihr eiskalte Schauer über den Rücken jagen.

„Ist nicht so schlimm.“, versicherte Paulina daher und ließ sich auf den Küchenstuhl sinken. Solange sie den Fuß nicht belastete war alles bestens. Das Pochen in ihrer Ferse ließ sich aushalten. Vorsichtig zog sie ihren blutigen Socken aus, um die Wunde zu begutachten. Die Scherbe ragte nur noch ein kleines Stückchen hervor. Ohne Pinzette würde sie den Splitter nicht herausziehen können.

„Wenn du den Splitter nicht rausziehst, wird sich die Wunde entzünden.“

„Schon gut, Cornelius. Warum lenkst du mich nicht ab und erzählst mir, was genau du an Viersens Leichnam entdeckt hast.“

„Viersen hatte punktförmige Blutungen im Augenlid. Kaum größer als Flohstiche“, eröffnete Cornelius und blickte sie dann erwartungsvoll an.

Paulina tat ihm den Gefallen und nahm ihre Handtasche, um sich auf die Suche nach ihrem Nagel-Set zu machen. Insgeheim fragte sie sich, ob andere Reporter auch bereit gewesen wären unter diesen Umständen ein Interview zu führen oder ob sie einfach nur besonders verzweifelt war. Die Frage war eher rhetorischer Natur. Schließlich wohnte sie in einem Keller und hielt sich mit Gelegenheitsjobs gerade so über Wasser.

Paulina holte tief Luft. Kaum dass sie mit der Pinzette den Splitter zu fassen bekam, kniff sie die Augen zu und zog. Die Schmerzen waren weniger schlimm als befürchtet. Trotzdem hatte sie Tränen in den Augen.

„Solche Blutungen können ein Hinweis darauf sein, dass jemand erdrosselt oder erwürgt wurde.“

Cornelius reichte ihr Küchenpapier, um die Blutung zu stillen. Danach schnitt er ihr ein Pflaster zurecht, das er neben sie auf den Tisch legte.

„An Viersens Hals waren aber keine Würgemale oder ähnliches zu erkennen. Richtig?“ erkundigte sich Paulina, die sich wieder an das Telefonat zwischen Cornelius und Dr. Keppler erinnerte, das sie am Morgen überhört hatte.

„Ja.“

„Ist so etwas überhaupt möglich?“

„Wenn sich ein Kleidungsstück zwischen der würgenden Hand beziehungsweise dem Strangulationswerkzeug und dem Hals befindet. Beispielsweise ein Schal oder der Kragen eines Bademantels.“

„Und Viersen?“

„Er trug einen Rollkragenpulli.“

„Wird die Leiche jetzt obduziert?“

„Von wegen. Der zuständige Amtsarzt vertraut der Einschätzung des behandelnden Notarztes mehr als der eines, ich zitiere, „übereifrigen Totengräbers“.” Ihm war anzusehen, dass ihn diese Bemerkung tief getroffen hatte. Er presste die Lippen als fürchtete er, seinem Ärger sonst Luft zu machen.

„Soll das heißen, die Behörden werden nichts unternehmen?“

„Genau das. Dr. Keppler fährt heute in seinen wohlverdienten Urlaub. Bertram Viersen wird wie vorgesehen am kommenden Freitag beerdigt.“

Eigentlich war Paulina diese Entwicklung im Fall Viersen gar nicht so unrecht. Die Meldung, dass die Polizei die Ermittlungen aufgenommen hatte, weil Viersen ermordet worden sein könnte, wäre sicherlich eine Schlagzeile wert. Jetzt musste sie nur noch sicher stellen, dass ihr niemand die Story vor der Nase wegschnappte. Nicht einmal Luca. Der würde die Dinge lieber selbst in die Hand nehmen als sie einer blutigen Anfängerin überlassen. Viel besser für Paulina wäre es, in den kommenden Tagen so viele pikante Details über Bertram Viersen und sein Umfeld auszugraben, um sich unentbehrlich zu machen.

„Hast du noch andere Verdachtsmomente dafür, dass Viersen ermordet worden sein könnte?“

„Nichts Konkretes. Anfang des Jahres ist Bertram Viersens Mutter gestorben. Viersen und seine Frau haben sich fürchterlich gestritten, als es darum ging sich für eine Bestattungsart zu entscheiden. Frau Viersen war überzeugt, ihre Schwiegermutter hätte sich aus religiösen Gründen eine Erdbestattung gewünscht. Bertram Viersen konnte sich allerdings mit der Vorstellung nicht anfreunden, dass seine  Mutter langsam in der Erde verrottet.“

„Wer hat sich durchgesetzt?“

„Herr Viersen. Einige Wochen nach der Beisetzung seiner Mutter hat er mich sogar noch einmal angerufen. Er bat mich, ihm ein Formular zur Erstellung einer Bestattungsverfügung zukommen zu lassen. Damit wollte er rechtlich absichern, dass er nach seinem Tod eingeäschert wird.“

„Findest du es nicht merkwürdig, dass sich Viersen so intensiv mit dem eigenen Tod beschäftigt? Der Mann war doch gerade knapp über fünfzig.“

Cornelius hob die Schultern. „Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass Menschen, die einen Angehörigen oder Freund verloren haben, Vorkehrungen für den Fall ihres Dahinscheidens zu treffen.“

„Wie ging es weiter?“

„Ich bin Viersens Wunsch nachgekommen. Deshalb war ich überrascht, als Frau Viersen auf eine Erdbestattung bestand. Als ich sie auf die Bestattungsverfügung angesprochen habe, stritt sie ab, dass ihr Mann etwas Derartiges hinterlassen habe.“

„Vielleicht hat ihr Mann die Formulare nie ausgefüllt?“ gab Paulina zu denken. Sicherlich hatte Bertram Viersen nicht damit gerechnet, nur wenige Monate nach seiner Mutter den Löffel abzugeben.

„Frau Viersen wusste trotzdem von den Vorbehalten ihres Mannes. Mir war es ein Rätsel, weshalb sie gegen seine Einäscherung war, bis ich die Blutungen entdeckt habe.“ „Wieso?“

„Vor jeder Einäscherung wird der Leichnam routinemäßig von einem Amtsarzt untersucht. Die Untersuchung soll sicherstellen, dass ein gewaltsamer Tod entdeckt wird, bevor alle Beweise endgültig zerstört werden.“

Mit anderen Worten verdächtigte er die Witwe ihren Gatten umgebracht zu haben. Im Geiste ging Paulina noch einmal die Fakten durch, die sie über Frau Viersen bereits kannte. Nichts gab Anhaltspunkte auf ein Mordmotiv. Allen Anscheins hatte die beiden eine glückliche Ehe geführt. Die Witwe hatte im Hintergrund unermüdlich am Erfolg der Firma mitgearbeitet. Zumindest war Bertram Viersen nie müde geworden, seiner Frau für ihre Liebe und Unterstützung zu danken.

„Wen plant ihr denn umzubringen?“

Paulina schreckte zusammen, als wäre sie auf frischer Tat ertappt worden. Hannah, die unbemerkt neben sie getreten war, schenkte ihr ein schelmisches Grinsen und stellte die Pizzakartons auf den Tisch. Dann umarmte sie Paulina so fest, dass der fast die Luft wegblieb. Dann tat Hanna etwas, womit Paulina nie und nimmer gerechnet hätte. Sie steuerte zielstrebig auf Cornelius zu und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Hallo, Cornelius! Lange nicht gesehen!“