Kapitel 4

Mittwoch, August 3rd, 2011

„Ihr kennt euch?“ platzte Paulina völlig fassungslos heraus, worauf sowohl Hanna als auch Cornelius sie anblickten als sei sie schwachsinnig. Dabei fand sie ihre Frage durchaus berechtigt. Ein Anzugträger in Hannas Freundeskreis war in etwa so exotisch wie eine Ballerina bei einem Heavy Metall Konzert.

„Cornelius und mein ältester Bruder sind zusammen zur Schule gegangen. Ich habe euch zwei gestern vorstellt. Schon vergessen?“ Hanna rollte mit den Augen, nachdem Paulina eine Antwort schuldig blieb. „Wen frag ich! Die Frau ohne Gedächtnis.“

Paulina schoss die Schamesröte ins Gesicht, während sie sich vergeblich mühte, die zugehörigen Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis hervorzukramen. Ihre schwante, dass Hanna es nicht dabei bewenden lassen würde.

„Kannst du dir vorstellen, dass Paulina heute Morgen nicht einmal mehr wusste, wie ihr One-Night-Stand hieß?“

Paulina beobachtete, wie sich Cornelius‘ Augen vor Überraschung weiteten und er schluckte so schwer, dass ihm der Adamsapfel fast bis zum Krawattenknoten rutschte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Es war ein schwacher Trost, dass ihm die Situation offenbar genauso unangenehm wie ihr war. Seltsamerweise machte es die Situation für Paulina umso unerträglicher.

„Ich wäre wirklich dankbar, wenn wir jetzt das Thema wechseln könnten, Hanna.“

Die verdrehte wieder die Augen und wandte sich wieder ganz Cornelius zu. „Komm, iss einen Happen mit uns. Die Pizzen werden sonst kalt.“

Zumindest war Cornelius höflich genug, sich zuerst bei Paulina zu versichern, dass sie mit Hannas Vorschlag einverstanden war. War sie nicht. Nach diesem bescheidenen Tag hatte sie sich auf einen ruhigen Abend gefreut. Das schloss männliche Gesellschaft, vor der sie sich bis auf die Knochen blamiert hatte, grundsätzlich aus.

„Vielen Dank, Hanna.“, sagte Cornelius mit einem Blick auf die Uhr. „Ich werde daheim ich schon erwartet. Bitte richte deinem Bruder Grüße von mir aus.“

Er umarmte Hanna herzlich, ehe er zu Paulina ging und ihr die Hand entgegenstreckte. Bis sie sich dazu durchgerungen hatte, ihm die Hand zu schütteln, hatte er sie schon wieder zurückgezogen.

„Auf Wiedersehen, Paulina. Ich hoffe, ich konnte das Missverständnis aus der Welt schaffen. Außerdem wäre ich dir sehr verbunden, wenn du unseres Gespräch mit Verschwiegenheit behandeln würdest.“

„Kein Thema. Schönen Abend noch.“ Erst als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte, atmete Paulina auf. Da war sie noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.

„Manchmal verstehe ich dich nicht, Paulchen.“ Hanna riss die Deckel der Pappkartons ab und stellte einen vor Paulina auf den Tisch. Der Duft nach gebackenem Käse, Tomaten und frischem Basilikum ließ Paulina das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wie zur Antwort knurrte ihr Magen so laut, dass es wohl bis zu den Nachbarn zu hören war.

„Gestern hast du dich so blendend mit Cornelius verstanden. Heute lässt du ihn eiskalt abblitzen. Was ist in dich gefahren?“

Paulina rollte ein Stück der Pizza zusammen und biss gierig hinein. Solange sie den Mund voll hatte, musste sie Hanna nicht antworten.

„Ist das deine verkorkste Art nette Männer auf Abstand zu halten?“ ereiferte sich Hanna weiter und holte Sprudel und Limonade aus dem Kühlschrank. „Diesem Psychopathen Bastian wirfst du dich förmlich an den Hals und…“

„Das ist unfair. Du kannst nicht im nach hinein so tun als hättest du schon immer gewusst, dass mein Date ein Griff ins Klo sein wird.“

Paulina hatte zwar keine Erinnerungen mehr an Bastian, aber mit den Fotos hatte er immerhin überhaupt nichts zu tun. Leider konnte sie das Hanna nicht erzählen, ohne Cornelius zu verraten. Dabei hätte sie Hanna zu gern mit ihrer Fehleinschätzung konfrontiert. Vielleicht würde sie dann endlich damit aufhören, Paulina verkuppeln zu wollen.

„Ich bitte dich. Mir war sofort klar, dass das nichts werden kann!“ Hanna räusperte sich und sprach mit tiefer Stimme weiter: „Du hast da eine Wimper im Gesicht kleben. Jetzt kannst du dir den Wunsch nach einem Traummann sparen. Ich bin ja da.“

Fast hätte sich Paulina an ihrer Limonade verschluckt, so sehr musste sie über Hannas Darbietung lachen. „Spricht für ein gesundes Selbstbewusstsein.“

„Größenwahnsinn trifft es eher. Aber dich hat das natürlich nur angestachelt. Du hast ihm deine Handynummer versprochen, wenn er sich von dir für einen Abend auf die Probe stellen lässt.“

„Hab ich nicht!“

„Und ob! Du warst dabei erstaunlich kreativ, Paulchen! Ich hätte nicht geglaubt, dass so eine Diva in dir steckt.“ Hanna grinste jetzt über beide Ohren. „Ich hätte allerdings auch nicht geglaubt, dass er das mitmacht. Aber er hat dir ausnahmslos jeden Wunsch erfüllt. Sogar als du ihn gebeten hast, dir deinen Lieblingsshake von der Eisdiele am Marktplatz zu holen.“

Paulina traute ihren Ohren nicht. Wie peinlich! Das klang wirklich nicht nach ihr. Kaum zu glauben, dass sie sich so aufgeführt hatte.

„Hanna, könntest du bitte zum Punkt kommen?“

„Während Bastian unterwegs war dein Shake zu holen, sind Cornelius und zwei seiner Kumpels zu uns dazu gestoßen. Wir haben uns alle prima unterhalten. Vor allem du und Cornelius. Ich hatte schon solche Hoffnungen! Ihr beide….“

„Hanna!“

„Nach seiner Rückkehr war Bastian jedenfalls so eifersüchtig, dass er Cornelius die ganze Zeit dumm von der Seite angemacht hat. Das Feld hat Bastian allerdings nicht freiwillig geräumt. Er hat gewartet, bis du nach Hause gehen wolltest. Nach den Cocktails und dem Shake ging es dir nicht so gut. Da war Bastian sofort zu Stelle dich noch ein Stück zu begleiten. Keine Ahnung, wie er dich doch noch in sein Bett gekriegt hat.“

Paulina biss sich auf die Unterlippe. Warum war sie in Cornelius Bett aufgewacht, wenn doch dieser Bastian sich so sehr um sie bemüht hatte? Vielleicht hätte sie Cornelius doch besser erzählen lassen sollen.

„Was wollte Cornelius eigentlich von dir?“ wollte Hanna nach einer Weile wissen. Sie war gerade dabei mit den Fingerspitzen den Rand ihrer Pizza abzureißen.

„Es ging um Geschäftliches.“, improvisierte Paulina, um so nahe bei der Wahrheit zu bleiben, wie möglich. Ihre Lügen durchschaute Hanna meist sofort. „Ich hatte ein paar Fragen wegen eines Artikels, an dem ich gerade dran bin.“

„Cool! Was für ein Artikel?“

„Ein Nachruf. Luca vermutet aber, dass da noch mehr dran sein könnte.“

„Moment! Du arbeitest wieder für Luca – die Ratte – Cammerota? Pass bloß auf, dass dieser Drecksack dich nicht wieder aufs Kreuz legt.“

„Meinst du das jetzt im wörtlichen oder im übertragenen Sinn?“ Hanna enthielt sich eines weiteren Kommentars. Die Art und Weise, wie sie die Pizza in Stücke zerriss, genügten vollkommen.

„Im Ernst. Das Kapitel Luca Cammerota ist für mich abgeschlossen. Isabella und er sind getrennt. Meinen Schlüssel habe ich mir heute von ihm zurückgeholt. Ich denke, er hat bekommen, was er verdient hat.“

Hanna seufzte leise. „Solange du nicht in Versuchung kommst, den armen Kerl zu trösten müssen.“

„Wenn der Artikel nur halb so viel Potential hat, wie ich vermute, dann wird mich der Bote mit Handkuss als Volontärin übernehmen.“

„Lass hören. Worum geht es?“

„Bertram Viersen, der Geschäftsführer von Bio-Strom GmbH, hat am Freitagabend den Löffel abgegeben. Laut Notarzt war es Herzversagen. Es deutet jedoch einiges darauf, dass er ermordet wurde.“

Für einen Moment sah es aus als wäre Hanna ein Bissen im Halse stecken geblieben. „Sag bitte nicht, dass du rausfinden willst, wer diesen Viersen um die Ecke gebracht hat?“

Paulina nickte. „Das ist die Chance für mich, mir einen Namen zu machen. Wenn ich wenigstens genug Verdachtsmomente sammeln kann, um die Behörden zur Ermittlung zu bringen…“

Vor ihrem geistigen Auge stellte sie sich vor, wie schön es wäre, wenn sie endlich ein regelmäßiges Einkommen hätte. Sie könnte endlich ihren Job als Aushilfskellnerin an den Nagel hängen. Vielleicht könnte sie sich auch eine schickere Wohnung leisten.

„Wie stellst du dir so eine Mörderjagd vor, Paulchen? Schließlich kannst du die Leute nicht auf den Kopf zu fragen, ob sie Viersen umgebracht haben. Die werden dich schneller vor die Türe setzen als du bis drei zählen kannst. Wie willst du das also anstellen?“

Das war eine wirklich gute Frage. Wie weit würde sie kommen, wenn sie lediglich das Umfeld von Viersen befragte? Würde sie über Vermutungen und Gerüchte hinaus kommen? Sie brauchte handfeste Indizien, die auf ein Mordmotiv schließen lassen. Dazu hatte sie nur vier Tage Zeit. Ein lächerlich kurzer Zeitraum, um Beweise für einen Mord zu sammeln.

„Mensch, Hanna. Es muss sich was ändern. Egal wie. Ich kann doch nicht ewig von Aushilfsjobs leben.“

„Nicht ablenken. Wie willst du Viersens Mörder finden?“

Paulina versuchte sich daran zu orientieren, wie die Ermittler in Büchern und Filmen vorzugehen pflegten. Dumm war nur, dass sie bislang kein großes Interesse an Krimis gehabt hatte. „Ich könnte die Witwe mit den Cornelius Entdeckungen konfrontierten. Sie unter Druck setzen.“, erklärte Paulina in Ermangelung besserer Alternativen.

„Das wirst du schön sein lassen, Paulina!“
„Wieso?“

„Weil es eine blöde Idee ist, einen Menschen, der vielleicht schon einmal jemand um die Ecke gebracht hat, unter Druck zu setzen. Willst du das nächste Opfer werden?“

„Aber…“

„Zweitens, weil es Cornelius in Verlegenheit bringt. Wer sonst hätte dir diesen Hinweis geben können? Wenn du deine Vermutungen überall herumposaunst, dann fällt das negativ auf ihn zurück.“

Da hatte Hanna wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Cornelius war ihre Quelle und als solche sollte sie diese nicht zu deren Nachteil offenbaren. Sie war eine wirklich vorbildliche Journalistin, dass ihr das nicht von alleine eingefallen war.

„Vielleicht sollte ich Luca doch einbeziehen.“

„Einen Teufel wirst du! Du willst den Job! Dann hol ihn dir!“ Hanna klemmte sich ihr Stück Pizza zwischen die Zähne und begann die Küchenschublade zu durchwühlen. Sie fischte einen Stift heraus und begann den Kühlschrank in drei Spalten zu unterteilen. In die erste Spalte schrieb sie „Verdächtige“, in die zweite „Motiv“ und in die dritte „Indizien“. Zuerst tippte sie auf die erste Spalte.

„Die Ehefrau. Keine Ahnung warum. Sie wollte eine Feuerbestattung und die damit verbundene amtsärztliche Untersuchung verhindern.“

„Noch jemand?“ fragte Hanna, nachdem sie die ersten Stichpunkte aufgenommen hatte.

„Die Geschäftskollegen. Luca meinte bei Bio-Strom wäre was faul. Keine Ahnung, wer sonst in Frage kommt.“

„Hmm…“ Hanna bückte sich und schrieb auf den Tiefkühler „Umstände des Todes“.

„Er ist am Freitagabend in der Firma gestorben.“

„Mehr weißt du nicht?“

Paulina zuckte mir den Schultern.

„Der Neue aus meiner WG arbeitet als Rettungshelfer. Vielleicht kriegen wir ja raus, wer dabei war, als den Tod des lieben Viersen festgestellt wurde. Mit ein bisschen Glück hat einer der Rettungshelfer etwas gesehen, was uns weiterhilft.“

„Das wäre Klasse! Hanna du bist die Beste!“

„Bin ich nicht.“ Hanna verzog das Gesicht. „Das war ein Permanent-Marker…“