Kapitel 5

Montag, August 8th, 2011

Pünktlich fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin parkte Cornelius vor der Villa der Viersens. Villa war sicherlich das falsche Wort, um das Heim der Viersens zu beschreiben. Cornelius erinnerte es irgendwie an eine verglaste Ameisenfarm.

Mit einem letzten Blick in den Rückspiegel versicherte er sich, dass er bei seinen Kunden einen tadellosen Eindruck hinterlassen würde. Zum wiederholten Mal strich er sich durch die Haare und rückte die Krawatte zurecht. Er war genauso nervös, wie damals als ihn sein Vater das erste Mal alleine auf ein Beratungsgespräch geschickt hatte. Er hatte Angst einen schwerwiegenden Fehler zu begehen. Nur im Unterschied zu damals hatte er heute die Wahl, ob er bereit war, einen Fehler zu riskieren. Es zwang ihn niemand, den Mörder von Bertram Viersen zu suchen. Er könnte auch einfach wegschauen und das tun, wofür er bezahlt wurde. Seine Schwester wäre ihm sicherlich dankbar gewesen, wenn er die gemeinsame Existenzgrundlage nicht so leichtfertig auf das Spiel gesetzt hätte.

Aber er brachte es nicht über sich, ein weiteres Mal tatenlos mit anzusehen, wie ein Mörder ungeschoren davon kam. Er würde mit Sigrid Viersen ein Beratungsgespräch führen, das gegen alle Regeln der Kunst verstoßen würde und er war gespannt, wie sie darauf reagieren würde.

Bevor Cornelius bei den Viersens klingelte, strich er sich aus alter Gewohnheit noch einmal seinen Anzug glatt. Eine ältere Frau öffnete die Tür und musterte ihn kritisch vom Scheitel bis zur Sohle. Cornelius erinnerte sich nicht daran, sie bei seinen letzten Besuch kennengelernt zu haben. Ihrem herrischen Auftreten und dem teuren Kostüm nach zu schließen, gehörte sie nicht zum Personal der Viersens.

„Sie sind wohl der Bestatter. Kommen Sie rein.“

„Cornelius Gruber.“ Cornelius streckte seine Hand zur Begrüßung aus, doch die alte Dame schien nicht gewillt seine zu erwidern.

„Frey. Ich bin die Mutter von Frau Viersen.“ Frau Frey deutete die Treppe hinauf. „Meine Tochter erwartet sie bereits. Erste Tür links.“

Cornelius bedankte sich, packte seine beiden Aktenkoffer, in denen er seine Prospekte und Unterlagen aufbewahrte und machte sich auf dem Weg zu seinem Beratungsgespräch.

Er hatte gerade den obersten Treppenabsatz erreicht, als Frau Viersens sechszehnjähriger Sohn in den Flur stürmte und an ihm vorbeirannte. Dabei rempelte er gegen Cornelius Schulter und schob ihn dadurch rüde zur Seite. Denn obwohl er Cornelius gerade bis zur Schulter reichte, übertrumpfte ihn der Teenager in Bezug auf das Körpergewicht fast um das doppelte.

„René, komm sofort zurück. Wie kannst du mir so etwas an den Kopf werfen und dann verschwinden! René!“

„Du kannst mich mal!“ brüllte René mit tränenerstickter Stimme. „Scheiß Lügnerin!“

Cornelius hatte René Viersen bei der Beerdigung von Herbert Frey, dem Großvater des Jungen, kennengelernt. Damals hatte er den Jugendlichen als äußerst ins sich gekehrt und verschlossen erlebt. Es musste etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein, dass er jetzt so aus der Haut fuhr. Cornelius hätte einiges dafür gegeben, wenn er ein paar Minuten früher da gewesen wäre, um das Streitgespräch zwischen Mutter und Sohn zu hören. War es um den Tod von Bertram Viersen gegangen? War dem Sohn etwas Verdächtiges aufgefallen?

Nur widerwillig wendete Cornelius seine Aufmerksamkeit wieder seiner Auftraggeberin zu. Sigrid Viersen wirkte ein wenig blass, ansonsten waren ihr weder der Streit mit ihrem Sohn noch der Verlust ihres Ehemanns anzusehen. Ihr Äußeres war gepflegt wie man es von der Frau eines erfolgreichen Geschäftsmannes erwarten würde. Auf ihren Lippen lag ein freundliches, aber unechtes Lächeln. Das Alter hatte es gut gemeint mit Frau Viersen. Sie hatte sich eine schlanke Figur bewahrt und sah zehn Jahre jünger aus als sie tatsächlich war. Cornelius wäre versucht gewesen, sie als attraktiv zu beschreiben, hätten sich nicht die Spuren tiefer Verbitterung in ihre feinen Züge eingegraben.

„Guten Tag, Herr Gruber.“, begrüßte sie ihn mit leiser Stimme. „Verzeihen Sie den Auftritt meines Sohnes. Der Tod seines Vaters hat ihn sehr mitgenommen.“

„Kein Grund sich zu entschuldigen.“

Frau Viersen nickte. „Sollen wir? Ich habe gleich noch einen Termin mit einer Journalistin des „Karlsruher Boten“, den ich wahrnehmen muss.“

Sie ging voran in das Arbeitszimmer ihres Mannes. Seit Cornelius‘ letztem Besuch vor einigen Monaten hatte es sich deutlich verändert. Die Möbel standen zwar noch an Ort und Stelle, doch türmten sich auf dem Schreibtisch, Stühlen und Parkett Berge von Papieren, die aus ihren Ordner herausgerissen worden waren. Die leeren Ordner waren wie in Erinnerung des schiefen Turms von Pisa in einer Ecke des Raumes aufgetürmt.

„Es stört sie doch nicht, wenn ich nebenbei die Unterlagen meines Mannes durchsehe?“ fragte sie, nachdem sie schon an die Arbeit gemacht hatte.

Cornelius verneinte, obwohl ihm schleierhaft war, wie er unter diesen Bedingungen sein Beratungsgespräch durchführen sollte. Andererseits bezweifelte er, dass Frau Viersen wirklich an diesem Gespräch interessiert war. Ebenso schien es ihm unwahrscheinlich, dass sie den Tod ihres Mannes verdrängen wollte, sonst hätte sie dessen Büro unangetastet gelassen.

„Sie haben sich gegen eine Feuerbestattung entschieden.“ stellte Cornelius fest, um ihr auf den Zahn zu fühlen.

„Ich habe ihnen bereits am Telefon gesagt, dass es eine Erdbestattung werden soll.“ Der eisige Ton, in dem Frau Viersen antwortete, sagte Cornelius, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Er beschloss noch ein wenig Salz in die Wunde zu streuen.

„Richtig. Dann bliebe zunächst zu klären, wo Ihr Mann beigesetzt werden soll. Wünschen Sie, Ihren Mann in dem Familiengrab Ihrer Eltern zu beerdigen?

Frau Viersen erstarrte. Nur ihre Mundwinkel zuckten so als müsse sie sich beherrschen, keine Grimasse zu schneiden.

„Nein. Meine Mutter möchte das sicherlich nicht.“

Es kostete Cornelius einige Überwindung nicht mit einer höflichen Floskel zu antworten, sondern zu schweigen. Zuerst schien es ihm so als bemerke Frau Viersen, die immer drückender werdende Stille nicht. Doch dann wurden ihre Bewegungen immer fahriger. Schließlich zerknüllte sie ein Blatt Papier und warf das Knäuel frustriert zu Boden.

„Ja, meine Mutter hat Bertram gehasst. Jetzt tun Sie um Himmelswillen nicht so, als wäre das bei anderen Familien nicht genauso.“

„Verzeihen Sie bitte, ich wollte überhaupt nichts andeuten. Worauf ich hinaus wollte, war, dass die Beisetzung im Familiengrab mit weniger Unkosten für Ihre Familie verbunden wäre als…“

„Nein! Für alles Geld der Welt nicht!“ fuhr ihn Frau Viersen an. Es kostete sie sichtlich Mühe ihn nicht lauthals anzuschreien. Am liebsten hätte er sich gleich bei seinem Gegenüber entschuldigt. Aber er durfte noch nicht aufhören. Noch stellte sich die Frage, warum Frau Viersen aus der Haut gefahren war. War es die Furcht vor der drohenden Auseinandersetzung mit ihrer Mutter oder die Vorstellung, ihren toten Mann im Familiengrab zu wissen?

„Alternativ haben Sie natürlich die Möglichkeit eine Doppelstelle zu kaufen.“, schlug Cornelius vor. Er hielt einen Moment inne, weil er glaubte, Schritte im Flur zu hören. Auch Frau Viersen blickte irritiert zur Türe, aber draußen war es nun Mucksmäuschen still. „Mit einer Doppelstelle stünde Ihnen die Möglichkeit offen, sich nach Ihrem Tod an der Seite Ihres Mannes beerdigen lassen.“

„Ich…“ begann sie leise, dann brach ihre Stimme. Sie starrte mit geweiteten Augen auf ein Dokument vor ihr. Sie brauchte einige Minuten, bis sie sich wieder gefangen hatte. Was immer ihr durch den Kopf ging, blieb ihr Geheimnis. Aber es war aufwühlend genug, dass ihr der Stress dunkelrote Flecken an Hals und Wangen bescherte. Mit den Händen strich sie immer wieder über ein Papier.

„Ein Doppelgrab klingt nach einer guten Alternative, Herr Gruber.“ Dabei klang so verunsichert, so dass sie Cornelius einfach nur noch leid tat. Er brachte es nicht über sich noch einmal nachzuhaken.

„Ich werde dann alles Notwendige in die Wege leiten.“

Frau Viersen nickte knapp und fuhr fort die Unterlagen ihres Mannes zu sortieren. Das Dokument, das sie so aus der Fassung gebracht hatte, zerriss sie in unzählige kleine Teile. Im Flur waren wieder Schritte zuhören, dann stand Frau Frey im Türrahmen.

„Sie werden nichts dergleichen veranlassen, Herr Gruber.“, erklärte sie in eisigem Ton, ehe sie sich ihrer Tochter zuwandte. „Du wirst dich ganz sicher nicht neben diesem Tunichtgut beerdigen lassen.“

„Mutter.“

„Dieser Mistkerl hat Glück, dass wir ihn überhaupt beerdigen.“

„Mutter. Bitte.“ Es war erstaunlich, wie spielend es die alte Frau schaffte, ihre erwachsene Tochter wie ein kleines Kind abzukanzeln. Eine knappe Handbewegung genügte, um weitere Proteste im Keim zu ersticken.

„Sie werden ein Einzelgrab organisieren. Am besten am anderen Ende des Friedhofs.“

Cornelius blickte fragend zu Frau Viersen. Die zuckte nur mit den Schultern. „Gut. Dann bliebe noch zu klären, in welchen Sarg Sie den Verstorbenen beerdigen möchten.“

Noch ehe Cornelius überhaupt Gelegenheit hatte, den Katalog mit den verschiedenen Sargmodellen hervorzuholen, ergriff Frau Frey das Wort: „Nehmen Sie den billigsten, den Sie im Sortiment haben. Etwas Besseres hat der Mistkerl nicht verdient. Und keinen Blumenschmuck.“

„Mutter, denk an René. Er hat seinen Vater verloren. Da muss er nicht auch noch das Gerede der Leute ertragen.“

„Hör auf, deinen Sohn vorzuschieben, Sigrid. Ich habe gerade mit dem Jungen gesprochen. Er schien ganz meiner Meinung zu sein.“

„René ist durcheinander. Er…wird sich später Vorwürfe machen. Willst du das?“

Frau Frey betrachtete ihre Tochter mit solch abschätziger Miene, dass Cornelius das Gefühl hatte die Raumtemperatur wäre auf einen Schlag um einige Grade gefallen. „Ich fasse es nicht, Sigrid. Nach alldem, was vorgefallen ist, hängst du immer noch an diesem Schwein.“

„Es gab auch glückliche Zeiten. Wir hätten…vielleicht…wieder zueinander gefunden.“ Frau Viersen brach nun endgültig in Tränen aus und versuchte verstohlen die Tränen mit den Händen wegzuwischen. Cornelius griff in seine Jackentasche und hielt ihr schweigend ein Taschentuch hin. Mehr konnte er im Moment nicht tun. Sich als Fremder in Familienstreitigkeiten einzumischen, war keine gute Idee.

„Du hast selbst die Scheidung eingereicht, Mädchen!“

„Ich weiß…“

„Hör endlich auf dich selbst zu belügen und sieh der Wahrheit ins Auge! Bertram hat dich nie geliebt. Nur dein Geld. Immer nur dein Geld. Und das hat er ja mit beiden Händen zum Fenster rausgeschmissen, nicht wahr?“

„Hör auf!“

Aber auf Frau Frey wollte nicht aufhören. Sie hatte sich in Rage geredet. Ihr schien es vollkommen gleichgültig zu sein, dass Cornelius alles überhören musste und ihre Tochter mit den Nerven am Ende war. „Ich bin es so leid! Dieser Mann hat dein Leben zerstört und du heulst dir seinetwegen die Augen aus! Bist du noch ganz richtig im Kopf?“
„Er konnte doch nichts dafür.“

„Er hat dich in jeder Hinsicht betrogen. Und glaube mir, er wusste genau, was er dir angetan hat. Es war ihm gleichgültig. Du warst ihm gleichgültig. Du solltest dem Schicksal danken, dass du diese Zecke endlich losgeworden bist, bevor er dich endgültig in den Ruin treiben konnte.“

Darauf wusste Sigrid Viersen nichts mehr zu entgegnen. Sie heulte nur umso herzzerreißender.

„Reiß dich endlich zusammen. Ich kann es nicht glauben, so eine armselige Heulsuse wie dich groß gezogen zu haben. Dein Vater immer war viel zu nachgiebig zu dir. Er hätte Bertram damals schon zum Teufel jagen sollen, als er dir den Antrag gemacht hat. Andererseits welche Wahl hatte er schon, nachdem dich Betram geschwängert hatte, du Flittchen!“

Jetzt endlich merkte Frau Frey, dass sie über das Ziel hinausgeschossen war. Doch es war zu spät, die Worte ungeschehen zu machen. Sigrid Viersen sammelte ihre letzten Kräfte, um ihrer Mutter noch einmal Paroli zu bieten. „Wann ist aus dir eine so bösartige alte Frau geworden, Mutter?“, fragte sie leise. „Besser du besprichst auch deine Beerdigung mit Herrn Gruber. Ich werde mich bestimmt nicht darum kümmern. Du hast mich das letzte Mal so beleidigt. Für mich bist du gestorben!“

Damit verließ sie den Raum und schlug knallend die Tür hinter sich zu. Wie ihr Sohn schien sie einen Sinn für den dramatischen Abgang zu haben. Cornelius beeilte sich seine Koffer zu packen und aufzustehen.

„Frau Frey, es wird besser sein, wenn ich an einem anderen Tag wiederkomme.“

Wieder machte Frau Frey nicht die geringsten Anstalten seine ausgestreckte Hand zu schütteln.

„Warum stehen Sie jetzt auf? Wir sind noch nicht fertig.“

„Ich verstehe nicht.“

„Sie haben sie doch gehört. Ich habe mich mein Leben lang nicht vor unangenehmen Aufgaben gedrückt. Im Alter werde ich nicht damit anfangen. Also. Bertram hatte doch so eine Verfügung. Ich will auch eine ausfüllen.“