Kapitel 6

Donnerstag, August 25th, 2011

Am nächsten Morgen war Paulina auf dem Weg zu ihrem Interview mit Frau Viersen. Leider war sie spät dran. Dank einer Betriebsstörung hatte ihre Straßenbahn schon etliche Minuten Verspätung angesammelt. Sie hatte noch genau zwei Minuten um die Buslinie 26 zum Geigersberg zu erwischen. Der Gedanke auf den Bus rennen zu müssen oder den Weg zu Fuß zurückzulegen, löste nicht gerade Begeisterungsstürme in ihr wach. Zu allem Überfluss hatte sich die Schnittwunde an ihrer rechten Ferse über Nacht entzündet, weshalb ihr Fuß bei jedem Schritt wie Feuer brannte. Abgesehen davon war sie in bester Laune. Endlich hielt die Straßenbahn an der Haltestelle Durlach Turmberg. Paulina schnappte ihren Rucksack und drängelte sich durch die sich öffnenden Türen vorbei an den wartenden Passanten. Ihr Bus stand schon mit angelassenem Motor auf der anderen Seite des kleinen Platzes. Paulina rannte oder vielmehr hinkte so schnell sie konnte. Und das war nicht besonders flott. Schon nach wenigen Metern wurde sie von einer untersetzten Frau weit jenseits der fünfzig mit zwei vollen Einkaufstaschen überholt. Ein Glück für Paulina war die Frau so freundlich, um sich zwischen die geöffneten Türen zu stellen, bis Paulina sie eingeholt hatte. Die wütenden Proteste des Busfahrers ignorierte sie dabei geflissentlich.

„Vielen Dank! Es gibt also doch noch nette Leute.“, erklärte Paulina so laut, dass es für den Busfahrer nicht zu überhören war. Der revanchierte sich umgehend. Er beschleunigte den Bus beim Anfahren so schnell, dass sie beim Hinsetzen unsanft auf die Sitzbank fiel. Was für ein Idiot!

Die Frau mit den Tüten hatte sich schweratmend auf die Sitzbank vor Paulina fallen lassen und ihre Einkäufe neben sich abgestellt. Ihr gegenüber saß eine Frau etwa im gleichen Alter mit grell rot gefärbten Haaren, die in einen Groschenroman schmökerte. Beide nickten sich zur Begrüßung kurz zu.

Der Bus ordnete sich in den Verkehr auf der Grötzinger Straße ein und folgte der Linksabbiegerspur über die Kreuzung in die Rittnerstraße, die den Turmberg hinaufführte. Paulina überflog noch einmal die Liste an Fragen, die sie für Frau Viersen zusammengestellt hatte. Irgendwie ließ sie das Gefühl nicht los, einen wichtigen Punkt außer Acht gelassen zu haben. Eigentlich fühlte sie sich wie vor einer wichtigen Prüfung, auf die sie schlecht vorbereitet war. Bei genauerem Nachdenken war sie genau das: schlecht vorbereitet.

Bislang hatte sie ausschließlich Interviews durchgeführt, bei denen ihre Gesprächspartner darauf erpicht gewesen waren, ihr möglichst viele interessante Informationen mitzuteilen. In solchen Fällen bestand die Kunst der Gesprächsführung zumeist darin, Anflüge verbaler Inkontinenz frühzeitig einzudämmen. Wie es ihr gelingen wollte Frau Viersen sozusagen zum Reden zum bringen, war ihr schleierhaft. Wenn sie freundlich blieb, würden sie kaum auf die interessanten Themen zu sprechen kommen. Wenn sie zu viel Druck aufbaute, würde die Witwe sie einfach aus ihrem Haus werfen.

„Da hast du aber was Größeres vor, Ute.“, meinte die Frau mit dem Groschenroman, kaum dass Paulinas Wohltäterin wieder Atem gekommen war. Mit dem Daumen deutete sie auf deren Plastiktüten.

„Frau Klodwig gibt mal eben eine kleine Feier.“ Utes Stimme triefte vor Bitterkeit. „Die blöde Kuh! Häppchen für dreißig Personen! So auf die Schnelle! Ich kann doch nicht zaubern.“

„Du solltest ihr verraten, dass ihr Mannes es regelmäßig mit der Kinderfrau treibt. Dann hören diese Feiern auf.“

Die beiden lachten verschwörerisch. Paulina spitze die Ohren und tat als sehe sie aus dem Fenster. Der Bus fuhr über die Kreuzung und bog nach wenigen Metern rechts in die Bergwaldstraße ab, die rechts und links von stattlichen Villen gesäumt wurde.

„Die Kinder von Klodwigs bin ich dann aber immer noch nicht los.“, murrte Ute. „Am Freitag sind die Bälger glatt auf die Idee gekommen, ihre Nudeln an die Wände zu kleben. Jetzt kommen die Maler, um neu zu tapezieren. Aber anstatt den Biestern mal den Kopf zu waschen, hat die Klodwig so getan als wäre das meine Schuld, weil ich Tomatensauce gekocht habe.“

„Du solltest dir eine andere Stelle suchen, Ute.“

Die schnaubte frustriert. „Wer weiß, an wen ich dann gerate. Klodwigs bezahlen wenigstens zuverlässig.“

„Da sagst du was. Das letzte Gehalt habe ich vor sechs Wochen bekommen.“

„Was?!“

„Die Chefin meinte, sie hätte die Bankverbindung falsch angegeben. Sie wollte es zurückbuchen oder so. Das kann dauern.“

„Klar.“ Mehr musste sie nicht sagen, um ihrer Freundin zu verstehen zu geben, wie wenig sie diese Erklärung glaubte.

„Ich arbeite schon seit über fünfzehn Jahre für die Familie, Ute. Bisher haben sie immer pünktlich bezahlt. Die Bank ist schuld.“

„Die hätten dir den Betrag aber auch gleich noch einmal überweisen können! Für die ist das doch wirklich nicht viel Geld, was wir verdienen. So. Ich muss aussteigen.“

Paulina war so vertieft in die Erzählungen der beiden Frauen, dass sie vergessen hatte die Haltestellen mitzuzählen. Den Busfahrer wollte sie aus verständlichen Gründen nicht mehr fragen.

„Entschuldigen Sie.“, wandte sich Paulina an die Frau mit dem Schmöker, „Können Sie sagen, welche Haltestelle ich aussteigen muss, wenn ich zum Pfistergrund will?

„Da steigen sie am besten mit mir aus. Gleich die nächste Haltestelle.“

Der Busfahrer tat sein Bestes sich bei den beiden unliebsamen Fahrgästen zu verabschieden. Er trat vor der Haltestellt noch einmal so richtig auf die Bremse, dass es Paulina fast von den Beinen gerissen hätte. Dabei stieß sie so fest mit der Ferse gegen die Haltestange des Busses, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Draußen zog Paulina den kleinen Straßenplan von Karlsruhe aus der Hosentasche. Ihr Orientierungssinn war so unterirdisch, dass sie ohne die Karte vollkommen aufgeschmissen gewesen wäre.

„Wo müssen Sie denn hin?“ wollte Ute wissen.

„Zu den Viersens. Kennen Sie die Familie?“

„Da haben wir den gleichen Weg.“, erklärte die andere und streckte ihr mit einem Lächeln die Hand entgegen. „Ich bin die Haushälterin Frau Kubicek. Da nehme ich sie am besten mit. Sind Sie eine von den Praktikantinnen?“

Paulina überlegte kurz. Wenn sie eingestand für die Zeitung zu arbeiten, würde Frau Kubicek jedes Wort auf die Waagschale legen. Besser sie hielt sich erst einmal bedeckt.

„Ehm… Paulina Surbach. Ich soll für meinen Chef ein paar Unterlage bei Frau Viersen abholen.“

„Schlimme Sache. Der arme Mann. Der ist einfach von einem Moment auf den anderen umgekippt. Das ist doch ungerecht!

Dabei war er so ein netter Mann.“

Tränen glitzerten in Frau Kubiceks Augen. Sie schien den Tod ihres Arbeitsgebers aufrichtig zu bedauern. Auf Paulina machte sie nicht den Eindruck als gehöre sie zu den Frauen, die auf Kommando losheulen konnten.

„Ich habe Herrn Viersen leider nicht mehr kennengelernt.“

„Ja. In der letzten Zeit hat er viel von zuhause gearbeitet.“

„Wie war er denn so?“

„Er war einfach ein netter Mensch. Er hat sich für die Leute um ihn herum interessiert. Und ein gutes Gespür für andere Menschen hatte er. Der musste nur das Zimmer betreten und wusste schon, wie es einem geht. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Und wenn man mal einen schlechten Tag hatte, man musste nur mit ihm sprechen und schon war alles wieder gut. Sein Lachen war einfach ansteckend.“

Wenn man die Beschreibung um gutaussehend und wohlhabend ergänzte, dann konnte man sagen, Herr Viersen hätte Paulinas Traummann sein können. Was die berechtigte Frage aufwarf, warum jemand so einen angenehmen Zeitgenossen umbringen sollte?

„So jemanden hätte ich gern zum Chef gehabt. Warum hat er denn so oft von zu Hause gearbeitet?“ hakte Paulina nach, der er merkwürdig vorkam, dass ein Geschäftsmann, dessen Firma in Zahlungsschwierigkeiten war, nicht mehr vor Ort arbeitete. „War er denn krank?“

„So wie der Herr Viersen Sport gemacht hat?! Im Leben war der nicht krank.“ Frau Kubicek legte eine Pause ein. Sie schien zu überlegen. „Das einzige Mal, dass er im Krankenhaus war, war wegen seinem Blinddarm. Und das war vor zwei Jahren.“ Frau Kubicek wechselte die Straßenseite und ging zielstrebig auf einen Betonklotz mit Glasfront zu. Der Architekt durfte allein schon Unsummen verschlungen haben vom Bauplatz auf dem Geigersberg ganz zu schweigen. Menschen waren schon für weniger Geld ermordet worden.

„Da wären wir auch schon.“, erklärte Frau Kubicek während sie die Haustür aufschloss. Kaum hatte sie Tür geöffnet, drang ihnen Barry Manilows „I can’t smile without you“ in solch einer Lautstärke entgegen, dass der Bass durch Mark und Bein ging.

„Dreh die Scheiß-Musik leiser!“, brüllte jemand über den Lärm hinweg, worauf die Musik tatsächlich noch um ein Vielfaches lauter wurde.

Glas klirrte. Etwas Schweres fiel zu Boden. Frau Kubicek ließ ihr Buch und ihre Tasche fallen und flitze wie von der Tarantel gestochen los. Paulina folgte wenige Schritte hinter ihr. Das wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Mitten im Wohnzimmer lag eine Frau bäuchlings auf den Trümmern des gläsernen Couchtisches. Sie rührte sich nicht. Neben ihr kniete ein übergewichtiger Teenager und schluchzte zum Gotterbarmen. Er rüttelte an der Schulter der leblosen Frau. Seine Hände waren blutverschmiert. Ebenso wie der champagnerfarbene Teppich unter ihm.

„Um Himmelswillen!“, entfuhr es Frau Kubicek. Sie bekreuzigte sich und zog den Teenager von seiner Mutter weg. Blankes Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Paulina stand wie angewurzelt da. Am Rande nahm sie zur Kenntnis, dass Barry Manilow inzwischen am Finale seines Schlagers angekommen war. Ihr Körper reagierte als hätte sie gerade einen 1000 Meter-Lauf hinter sich. Ihr Herz hatte die gefühlte Frequenz eines Techno-Beats. Das Atmen fiel ihr schwer, so als hätte sich ein Metallband um ihren Brustkorb gelegt. Das flaue Gefühl in ihren Eingeweiden erinnerte sie auf unangenehme Art daran, dass sie den Anblick von Blut nicht ertrug. Trotzdem gelang es ihr nicht, den Blick abzuwenden.

„Mama!“, heulte René und versuchte sich aus der Umarmung von Frau Kubicek zu befreien. Doch die stemmte sich ihm mit aller Kraft entgegen und schob ihn von seiner Mutter weg hinaus in den Flur.

Eine leise Stimme in Paulinas Kopf flüsterte ihr zu, dass sie etwas tun sollte. Nachsehen, ob Frau Viersen noch lebte. Erste Hilfe leisten. Den Rettungsdienst benachrichtigen. Jemand holen, der erste Hilfe leisten konnte. Oder einfach nur die Musik ausschalten. Irgendwas. Alles war besser als tatenlos herumzustehen. Die Musik verebbte. An ihre Stelle trat jenes monotone Kratzen, welches anzeigte, dass die Schallplatte am Ende angelangt war.