Kapitel 7

Dienstag, Februar 28th, 2012

Paulina holte tief Luft und ging neben Frau Viersen auf die Knie. Sie wollte gerade nach deren Puls fühlen, als diese sich schluchzend auf die Seite drehte. Ihre Arme hielt sich dabei vor die Brust gepresst. Ihre grauen Augen starrten voller Entsetzen auf ihre blutverschmierten Hände. Blut rann in kleinen Rinnsalen ihre Arme hinunter und tropfte auf den Teppich. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Paulina mehrere tiefe Schnittwunden an Frau Viersen Händen und Unterarmen.

„Frau Kubicek, rufen Sie den Notarzt!“ rief Paulina, während sie sich nach etwas umsah, das sie auf die Wunden pressen konnte. Das spartanisch eingerichtete Wohnzimmer der Viersen bot jedoch nichts dergleichen.

„Keinen Notarzt…“ widersprach Frau Viersen erschrocken. Ihre Aussprache war so undeutlich, dass Paulina große Mühe hatte sie zu verstehen. Ihr Atem roch stark nach Alkohol. „Sind doch nur ein paar Kratzer.“

„Das sollte sich ein Arzt ansehen.“, widersprach Paulina. Sie würde bestimmt nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass sie alkoholisierte und unter Schock stehende Frau ohne ärztliche Hilfe zurückgelassen hatte. „Haben Sie irgendwo Verbandszeug?“

Frau Viersen musste sich einige Augenblicke lang sammeln, um diese Frage beantworten zu können. „Im Badezimmer. Im Spielgelschrank. Ich…“

Frau Viersen verzog das Gesicht, als es ihr nicht gelang ihre Gedanken zu formulieren und versuchte sich aufzurappeln. Doch auf halbem Weg verlor sie das Gleichgewicht. Sie wäre ein weiteres Mal gestürzt, hätte Paulina sie nicht in letzter Sekunde abgestützt. Mit Mühe gelang es ihr, Frau Viersen auf das schwarze Ledersofa zu bugsieren.

„Bleiben Sie bloß sitzen.“, schärfte Paulina Frau Viersen in strengem Ton ein. Sicherheitshalber zog sie rasch das eine Ende des Teppichs über die Scherben. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, wenn die Witwe sich bei einem erneuten Sturz weitere Verletzungen zugezogen hätte. Erst als Frau Viersen ihr signalisierte, dass sie sitzen bleiben würde, rannte Paulina los, um das Badezimmer zu suchen. Der Flur war verlassen, aber die Stimmen von Frau Kubicek und René waren laut und deutlich zu vernehmen.

„Lass dich ansehen, René. Nicht dass dir auch noch was passiert ist!“

Das Badezimmer hatte eine begehbare Dusche und war auch sonst mit allen erdenklichen Hilfsmitteln ausgestattet, die es älteren Menschen ermöglichen besser im Alltag zu Recht zu kommen. Eine ganze Batterie unterschiedlicher Medikamente türmte sich auf dem Badezimmerschränkchen.

„Mir geht es gut, Bea.“

„Du hast dich geschnitten.“

Als Paulina die Türen des Spiegelschränkchens aufriss, fielen ihr weitere Medikamentenschachteln und Salben entgegen. Gehetzt kramte sie durch die einzelnen Fächer und Schubladen. Am Ende war ihre einzige Ausbeute eine Packung Pflaster.

„Verdammt noch mal! Das ist nur ein kleiner Kratzer. Lass mich endlich in Ruhe, Bea. Ich bin keine drei mehr!“

Im Schränkchen unter den Waschbecken fand sie immerhin einen Stapel frische Handtücher, wovon sie zwei in kaltem Wasser tränkte. Den Rest sich unter den Arm klemmte. Sie wollte schon wieder losrennen, als ihr Blick auf ein Paar Stützstrümpfe fiel, die neben dem Waschbecken zum Trocken aufgehängt waren. Die nahm sie kurzerhand auch mit.

„Du rufst den Scheißkerl nicht an!“

„René, ich weiß wirklich nicht, was in dich gefahren ist…“

„Gib das Telefon her, Bea!“

Paulina hielt in ihrer Suche inne. René klang drohend, dass sie schon damit rechnete sie, dass er gleich ein weiteres Mal die Beherrschung verlor. Paulina huschte schnell in den Raum, aus dem die Stimmen gekommen waren. René stand mit dem Rücken zur Tür und drückte mit der Hand auf die Telefongabel.

„Wie willst du erklären, was da gerade passiert ist?“

„Ich habe sie nicht gestoßen! Ehrlich!“ Bei dem letzten Worten kletterte Renés Stimme um eine gute Oktave höher, so dass er sich wie ein kleiner, verzweifelter Junge anhörte und nicht wie ein wütender Teenager. Er hob die Hände in die Höhe und raufte sich die Haare.

„Das glaube ich dir nicht, René. Wenn du deinen Jähzorn nicht endlich in den Griff bekommst, dann wird es ein böses Ende mit dir nehmen.“

René schlug mit der Handfläche gegen die Kühlschranktüre. „Du hast überhaupt keine Ahnung, was hier gerade abgeht, oder?“

„Deinen Streit mit deinem Vater habe ich am Samstag sehr wohl mitbekommen. Auch deinen Ausraster.“

„Von wegen Ausraster! Das war eine Abreibung! Dieses Arschloch…“

Eine Hand legte sich auf Paulinas Schulter, so dass sich die Nägel schmerzhaft durch ihre Bluse in ihre Haut bohrten. Erschreckt fuhr Paulina herum und konnte sich nur mit Mühe einen Schreckensschrei verkneifen.

„Was streunen Sie hier herum?“, verlangte eine weißhaarige Frau in schneidendem Ton von ihr zu erfahren. Die alte Dame war einen Kopf kleiner als Paulina und dürr wie eine Vogelscheuche, dennoch hatte sie die einschüchternde Ausstrahlung einer geifernden Bulldogge. Hinter der Alten stand Cornelius und warf Paulina einen fragenden Blick zu.

Bevor Paulina Gelegenheit hatte zu antworten, schob sich die alte Frau mit erstaunlicher Kraft an ihr vorbei und musterte Frau Kubicek und René mit einem missbilligenden Blick. Während die Haushälterin unbeteiligt zurückstarrte, reagierte René so wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwich. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und verbarg die Hände in die Hosentaschen.

„Was hat dieser Tumult zu bedeuten?“ verlangte die alte Frau zu erfahren. Sie stutzte und zog an Renés blutbesudelten Pulli. „Was ist das? Hast du dich wieder geprügelt?!“

René schüttelte den Kopf und biss sich auf die Unterlippe.

„Frau Viersen hatte einen Unfall“, warf Paulina entnervt ein. „Wenn jetzt bitte endlich jemand den Notarzt rufen würde!“

Die knochigen Hände der alten Frau wanderten unsicher zu ihrer Kehle und ihrem Kruzifix. Sie hustete. Ihr Gesicht war aschfahl geworden. „Sigrid wird doch nicht etwa Hand an sich gelegt haben? Was für eine Schande.“

„Es war ein Unfall. Mehr nicht.“ Frau Kubicek legte René eine Hand auf seine Schulter und drückte so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstachen. „Du holst jetzt am besten Dr. Rosfeld.“

René gab keine Widerworte. Wie ein geprügelter Hund lief er

eiligst zur Tür und verschwand durch die Vordertür.

„Haben Sie Ahnung von erster Hilfe?“ wollte Paulina wissen. Doch die beiden anderen Frauen taten so als existiere sie nicht. Frau Kubicek hielt den Hörer unschlüssig in Händen, als traue sie sich nicht den Hörer aufzulegen.

„Das es soweit kommen musste. Ich habe Sigrid von Anfang an gesagt, dass dieser Mann ihr Ruin sein wird. Natürlich hat sie nicht auf mich gehört. Nie hat sie auf mich gehört. Was für eine Schande.“

„Kriegen Sie sich doch mal ein! Sie herzlose alte Schachtel!“, fuhr Paulina die alte Frau an.
„Wie reden Sie denn mit mir?!“

Paulina verkniff sich eine weitere Antwort und rannte, dicht gefolgt von Cornelius, ins Wohnzimmer, wo Frau Viersen noch immer völlig benommen auf dem Teppich kauerte.

„Herr Gruber, Sie sind ja noch da.“, murmelte die Witwe leise, als sich Cornelius neben Sie kniete. „Mir ist es wirklich sehr unangenehm, dass Sie beide das hier miterleben müssen.“

„Machen Sie sich darüber bitte kein Kopfzerbrechen.“, beschwichtigte Cornelius und nahm Paulina die feuchten Handtücher ab. Er wickelte die Handtücher fest um die Schnittverletzungen am rechten Arm und sie mit dem Stützstrumpf so gut es ging fest.

„Paulina, in der Innentasche meines Jacketts ist mein Handy. Ruf bitte den Notarzt. So wie es aussieht, ist Dr. Rosfeld auf die Schnelle nicht zu erreichen.“ Cornelius streckte den rechten Arm zur Seite, damit Paulina das Handy leichter herausfischen konnte.

„Natürlich. Joachim…ich meine Dr. Rosfeld ist um diese Uhrzeit immer Joggen. Er kommt gegen halb elf zurück. Ich brauche wirklich keinen Notarzt.“

„Klar“, platzte es aus Paulina heraus. „Wo der Bestatter schon mal hier ist.“

Paulina konnte im ersten Moment nicht fasse, was ihr da gerade herausgerutscht war. Leider schien auch Frau Viersen, sie gehört zu haben. Die Witwe holte scharf Luft und als sich Paulina kurz ihr umdrehte, war deren Gesicht noch bleicher als noch Augenblicke zuvor. Cornelius rollte mit den Augen und deutete mit dem rechten Arm zur Terrassentür.

„Draußen wird der Empfang besser sein als hier.“ Mit vor Scham glühenden Wangen wollte Paulina in den Garten flüchten, als ihr Frau Viersen hinterher rief.

„Warten Sie, Frau Surbach! Sie werden doch im Boten nichts über mein kleines Ungeschick berichten, oder? Ich meine, wir beide können uns doch bestimmt einig werden…“

„Das hängt allein von einer Sache ab: War es denn ein Ungeschick?“

Frau Viersen erschauerte und brach in bitterliche Tränen aus. In diesem Moment warf der Paulina die letzten Zweifel an dem gewaltsamen Tod von Bertram Viersen endgültig über Bord.