Kapitel 8

Samstag, März 24th, 2012

Die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens erschien Cornelius wie eine Ewigkeit. Frau Viersen wurde immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt. Unzählige Male versuchte er beruhigend auf sie einzureden und sie zu beschwichtigen. Jedes Mal, wenn er dachte, er hätte sein Ziel erreicht, da genügte nur ein Blick in Richtung ihrer Mutter, die mit versteinerter Miene auf dem Sofa saß, um Frau Viersen erneut in Tränen ausbrechen zu lassen.

Schließlich waren es die Schmerz- und Beruhigungsmittel des Notarztes, die Frau Viersen verstummen ließen. Die Schnitte an den Armen waren tief und würden im Krankenhaus genäht werden müssen. Glücklicherweise schienen keine Sehnen verletzt worden zu sein. Während Frau Viersen auf den Transport ins Krankenhaus vorbereitet wurde, hatte Cornelius das nagende Gefühl, dass er wertvolle Zeit ungenützt verstreichen ließ. Sollte er das allgemeine Durcheinander nicht besser dafür nutzen, um sich noch ein wenig im Haus der Viersens umsehen? In Viersens Büro lagen Berge voll mit potentiellen Indizien. Indizien, ohne die er womöglich den Mord niemals würde aufklären können. Wenn er die Polizei zum Ermitteln bringen wollte, brauchte er vor allem handfeste Beweise. Andernfalls würde ihn die Polizei bestenfalls als Spinner abtun, wenn er die Reaktion von Amtsarzt Keppler zum Maßstab nahm.

Der Gedanke an das Telefonat mit dem Amtsarzt ließ Cornelius auch noch nach einem Tag innerlich an die Decke gehen. Hätte dieser eingebildete Amtsarzt seine Aufgaben Ernst genommen, dann würde die Polizei die Unterlagen für die Ermittlungen sicherstellen und er müsste sich nicht ständig fragen, wie viel er bereit war, für die Wahrheit auf das Spiel zu setzen.

„Frau Frey, dürfte ich Ihre Toilette benutzen?“

Die alte Frau nickte und führte ihn bis zur Badezimmertür im Flur. Das Zimmer war vollkommen verwüstet. Offensichtlich hatte Paulina alles aus den Schränken gezogen, was nicht nietundnagelfest gewesen war.

„Ich werde wohl mit meiner Tochter ins Krankenhaus fahren. Falls wir uns nicht mehr sehen, möchte ich mich noch einmal ausdrücklich für Ihre Hilfe bedanken, Herr Gruber. Sobald es hier wieder Ruhe eingekehrt ist, werde ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen. Es sind ja noch einige Unterschriften zu leisten.“

Sie nickte ihm noch einmal zu und eilte wieder zu ihrer Tochter zurück.

Während sich Cornelius das Blut von den Händen wusch, zerbrach er sich den Kopf darüber, ob Frau Freys Anwesenheit noch einen anderen Grund haben könnte. Wollte Frau Frey sicher stellen, dass ihre Tochter unter dem Einfluss der Medikamente keine verfänglichen Informationen preisgab? Wenn dem so war, worüber? Er würde es nur erfahren, wenn er das Risiko einging und sich zurück in das Büro schlich.

Er wartete einige Minuten, bis der Krankenwagen mi Frau Viersen und ihrer Mutter davongefahren war. Der Hausflur war menschenleer.

So leise wie möglich schloss er die Tür hinter sich und schlich sich die Treppen hinauf. Am Ende der Treppen wartete er noch einige Sekunden, eher er sich in Viersens Büro stahl. Nach einigen Minuten erfolgloser Suche wich seine anfängliche Euphorie angesichts der noch ausstehenden Papierberge schnell der Ernüchterung. Wie sollte er alleine die Unterlagen durchsuchen, bevor ihn Frau Kubicek oder René auf frischer Tat ertappten?

Er brauchte Hilfe und zwar dringend. Er drückte Wahlwiederholung und hielt die Luft an. Es klingelte. Nachdem er in Gedanken bis zehn gezählt hatte, legte er auf und versuchte es erneut. Solange bis er das vertraute Knacken in der Leitung hörte, wenn ein Anruf angenommen wurde.

„Herr Gruber! Schlechtes Timing! Ganz schlechtes Timing!“, hörte Paulinas gereizte Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Wo bist du?“

„Was soll die Frage? Mensch, ich war gerade mitten im Interview mit der Nachbarin schräg gegenüber.“

„Vergiss die Nachbarn. Ich stehe hier zwischen Viersens Unterlagen.“

„Was?! Wie hast du das geschafft?“

„Möchtest du einen Blick reinwerfen oder nicht?“

Durch das Fenster sah Cornelius wie Paulina direkt auf das Haus zu steuerte.

„Am besten du gehst hinten herum und nimmst die Terrassentür!“

Paulina lachte. „Du machst das wohl zum ersten Mal? Keine Sorge, Cornelius. Bin gleich da. Lass dich nicht erwischen.“ Damit legte sie auf. Cornelius konnte selbst nicht fassen, was er da im Begriff war zu tun. Er musste vollkommen den Verstand verloren haben. Lass dich nicht erwischen. Seufzend blätterte er durch den Stapel, den Frau Viersen bei Seite gelegt hatte. Er fand Rechnungsbelege über diverses Sportzubehör. Angefangen von Golfschlägern, über Pulsmesser bis hin zu Laufschuhen. Das günstigste Accessoire bewegte sich im dreistelligen Bereich. Zu Lebzeiten war für Viersen das Beste gerade gut genug gewesen.

Da hörte er, wie unten im Erdgeschoss Glas klirrte. Es herrschte kurz Stille, dann klirrte es wieder. Vermutlich hatte sich Frau Kubicek daran gemacht, die Scherben des Glastisches zu beseitigen. Er wollte wieder auf Wahlwiederholung drücken, hielt jedoch im letzten Moment inne. Wenn er Paulina jetzt anrief, dann würde Frau Kubicek auf das Klingeln aufmerksam werden würde. So konnte er wenigstens hoffen, dass Paulina ihr nicht direkt in die Arme lief. Er wollte einen Schritt nach hinten machen, um sich zum Fenster umzudrehen und wäre dabei beinahe gestrauchelt. Als er hinter sich auf den abgestellten Staubsauger blickte, wurde ihm schnell klar, dass er sich besser auch um sich selber sorgen sollte. Früher oder später würde die Haushälterin nach oben kommen, um den Staubsauger zu holen. Lass dich nicht erwischen. Leider war das leichter gesagt als getan.

 

Paulina fühlte sich zurückversetzt in die Zeit als sie sich als Teenager heimlich zurück in die Wohnung geschlichen hatte, damit ihre Mutter nicht mitbekam, dass sie die ganze Nacht durchgefeiert hatte. Über die Jahre hatte sie gewissermaßen eine Meisterschaft darin entwickelt. Der Nervenkitzel war immer noch das gleiche. Damals wie heute genoss sie dieses kribbelnde Gefühl in der Magengrube. Tausend Mal besser als Achterbahn fahren und allzu oft besser als die Gesellschaft des Jungen wegen dessen sie so spät nach Hause gekommen war.

Paulina war fast auf der Höhe der Garage, welche sich direkt an das Haus anschloss, als sie sah, wie jemand die Garagentür von ihnen öffnete. Den beiden Sportschuhen nach zu urteilen, war es Rene. Schnell rannte sie aus seinem Sichtfeld und drückte sich zwischen das Gebüsch neben der Garage.

„Mama überlebt das nicht.“, stellte René mit brechender Stimme fest. „Die kommt in den Knast!“

Es herrschte kurze Stille. Sie konnte hören, wie etwas Schweres über den Boden gezogen wurde. „Weil sie es mir gesagt hat. Deshalb.“

Es folgte eine lange Pause, in der René andächtig den Worten der Person am anderen Ender der Leitung lauschte. Paulina kramte in heller Aufregung nach dem Diktiergerät in ihrer Handtasche. Sie atmete auf, als sich ihrer Finger um das weiche Plastik schlossen und sie die Aufnahme startete. Auf Knien rutschte sie über die feuchte Erde in Richtung des Garagentors. Mit zitternden Fingern hielt sie das Mikrophon in Renés Richtung. Sie konnte nur hoffen, dass sie die Aufnahme hinterher verständlich sein würde.

„Sicher, dass du das machen willst?“ Der Jugendliche schnaubte und wieder erklang das Gleiche schabende Geräusch.

„Ich meine- Vielleicht sollten wir erst mal reden, bevor-“

 

Paulina hielt es nicht aus. Sie beugte sich noch ein Stück nach vorne, um einen Blick auf René zu werden. Er hatte ihr glücklicherweise den Rücken zugedreht.

„Verdient… Total. Mama hat ihm doch schon alles erzählt. Wir könnten… Ein Versuch… Wie du meinst. Kann ich mitkommen? Ich könnte doch Schmiere stehen.“

Wie ein geprügelter Hund zuckte René zusammen und riss den Kopf zur Seite. Blechern war jetzt auch die Stimme der anderen Person zu hören, die jetzt lauthals in den Hörer brüllte. Leider konnte war es nicht laut genug, als dass Paulina auch nur ein Wort hätte verstehen können.

„Ihr könnt von Glück sagen, dass ich meine Nase da reingesteckt habe! Verdammt ihr wärt alle am Arsch ohne mich!!!“

Mit diesen Worten feuerte René das Handy zu Boden. Die Abdeckung auf der Rückseite splitterte sofort beim Aufprall auf die Steine ab. Der Rest des Technikschrotts schlitterte genau in Paulinas Richtung. Paulina nahm das als Zeichen, dass es an der Zeit war das Weite zu suchen.