Kapitel 1

Montag, Mai 30th, 2011

Cocktails und Paulina hatten noch nie harmoniert, aber diesmal hatte sie wirklich den Vogel oder vielmehr sich selbst abgeschossen. Mit einem Filmriss neben einem Unbekannten in einem fremden Bett aufzuwachen, das war ein persönlicher Tiefpunkt.

Sie erinnerte sich noch, dass Hanna und sie vorgehabt hatten, ihren Frauenabend auf dem Ludwigsplatz mit einem Cocktail zu beschließen. Danach war ihr Gedächtnis vollkommen blank.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht mit einem Fremden nach Hause zu gehen? Falsche Frage. Nachgedacht hatte sie bestimmt nicht. Sonst hätte sie die Finger vom Alkohol gelassen und von den Männern gleich dazu. Die einzige Frage, die sie sich stellen sollte, war wie sie aus diesem Schlamassel wieder herauskam. Am besten sie hatte sich aus dem Staub gemacht, bevor ihr Gastgeber aufwachte. Es war schon peinlich genug, dass sie sich an seinen Namen nicht mehr erinnern konnte. Sie musste nicht auch noch anhören, wie sie sich im Vollrausch auf die Knochen blamiert hatte.

Paulina wand sich vorsichtig aus der Umarmung des Unbekannten und schlüpfte aus dem Bett. Ein Fehler wie sich herausstellte.

Der darauf einsetzende Schwindel hätte sie fast in die Knie gezwungen und sie musste sich am Bettkasten abstützen. Sie brauchte dringend einen Kaffee um ihren Kreislauf wieder auf Touren zu bekommen. Andererseits vielleicht auch nicht. Schon der Gedanke an Kaffee ließ ihrem Magen rebellieren. Nur ein Schluck und sie würde über der Kloschüssel hängen.

Paulina holte ein paar Mal tief Luft. Im Zimmer roch es leicht nach Räucherstäbchen. Das Rumoren in ihrem Magen wurde schlimmer.

So erbärmlich wie sie sich fühlte, würde sie nicht alleine nach Hause kommen. Wohl oder übel würde sie Hanna anrufen müssen, sich ausschimpfen lassen und dann darum bitten, von hier abgeholt zu werden. Wo immer hier war. Das sollte sie dringend herausfinden.

Zwischen den bodenlangen Vorhängen zur ihrer Linken fielen einige Sonnenstrahlen auf den Parkettboden. Sie tauchten den Raum in ein schummriges Licht, das zwar Paulinas Katerstimmung sehr entgegen kam, aber nur grobe Umrisse erkennen ließ. Neben dem großzügigen Doppelbett waren ein Nachttisch und eine verspiegelte Schrankwand die einzigen Möbelstücke. Ihre Reflexion sah so bescheiden aus wie sie sich fühlte. Immerhin hatte sie ihre Unterwäsche noch an.

Paulina ging zum geöffneten Fenster und spähte durch den Spalt zwischen den Vorhängen. In der grellen Mittagssonne begannen ihre Augen sofort zu tränen. Sie musste mehrmals blinzeln, bis sich ihr Blick schließlich klärte. Draußen erstreckte sich ein gepflasterter Hinterhof, auf dem ein Lieferwagen und ein PKW mit Karlsruher Kennzeichen parkten. Es schien so als habe sie die Stadtgrenze nicht überschritten. Erleichterung wollte nicht aufkommen. Im Gegenteil. Die Aufregung ließ ihren Magen rebellieren. Es fühlte sich so, wie nach einer besonders wilden Achterbahnfahrt. Um sich nicht an Ort und Stelle zu übergeben, schloss sie die Augen und atmete die frische Luft ein und aus. Gedanklich konzentrierte sich nur auf das Gefühl des warmen Holzes unter ihren Füßen.

Schließlich machte sie sich auf die Suche nach ihrer Kleidung. Auf dem Boden vor dem Bett, unter dem Bett, unter der Bettdecke, im Nachttisch. Ihre Kleidung war unauffindbar. Sie wollte gerade die Schranktüren öffnen, als sie die Henkel ihrer Handtasche erspähte. Jemand hatte sie offenbar ganz oben auf den Schrank deponiert. Und dieser jemand, war mit Sicherheit nicht sie gewesen. Sie war zu klein dafür. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Tasche zu sich herunter zu ziehen. Doch abgesehen von einigen Fingerabdrücken auf dem Spiegel waren ihre Versuche ohne Ergebnis. Ihre Handtasche war und blieb jenseits ihrer Reichweite.

Das war der Augenblick, an den Paulina Angst in sich hochsteigen spürte. Argwöhnisch blickte sie sich zu dem dunkelhaarigen Unbekannten um, der seelenruhig in seinem Bett schlummerte. Warum hatte er ihre Tasche dort oben versteckt? Und was hatte er mit ihrer Kleidung angestellt?

Paulina öffnete leise die Schlafzimmertür und trat in das Wohnzimmer. Auch hier war nur schummriges Licht. Der Rollladen zum Balkon berührte fast den Boden. Es war fast so als hätte sie einen Schritt in den Ausstellungsraum eines Möbelhauses gemacht, nachdem der letzte Besucher gegangen war. Auf den ersten Blick war das Mobiliar, einschließlich eines großen Konzertflügels, sorgfältig aufeinander abgestimmt. Auf den zweiten Blick allerdings wirkte der Raum steril und kalt, weil nichts in diesem Raum etwas über die Persönlichkeit oder das Leben seines Bewohners verriet. Es gab keine privaten Fotos. Es gab keine Zeitschriften oder Bücher, die über persönliche Interessen oder Hobbies Auskunft gegeben hätten. Warum gab sich jemand so viel Mühe, so wenig über sich selbst preiszugeben? Erfahrungsgemäß war es nichts, womit man bei seinen Mitmenschen auf Gegenliebe stieß.

Paulina konnte nicht anders, als ihre Neugier zu befriedigen. Sie warf einen Blick in die Schublade unter dem Fernseher. Darin lagen Dutzende selbstgebrannte DVDs. Alle waren in der gleichen sauberen Handschrift beschriftet.Trauergottesdienst Kleinschmied (23.04.2010). Trauergottesdienst Müller(04.09.2007). Trauerfeier Zioga (06.11.2009). Wenn das nicht krank war, dann wusste sie auch nicht. Als hätte sie sich die Finger verbrannt, stieß sie die Schublade wieder zu. Das hätte sie besser nicht gemacht.

Paulina fuhr vor Schreck zusammen, als sie im Schlafzimmer die Dielen knarzen hörte. Sie hatte ihn aufgeweckt! Verdammt! Nix wie raus hier!

Wie ein Kind, das feststellt, dass es beim Versteckspiel nur noch wenige Sekunden hat, um sich zu verbergen, rannte Paulina in den Flur hinaus und riss die nächstbeste Tür auf.

Augenblicklich umfingen sie die feuchte Luft und der beißende Geruch von Chemikalien wie unsichtbare Schleier. Sie stand wie angewurzelt da und versuchte zu begreifen, was sie da vor sich sah. Sie war in einer Art Dunkelkammer. Die Fenster waren mit schwarzer Folie abgeklebt. Der kleine Raum wurde nur von dem Licht erhellt, das durch den Türspalt fiel. Rechts und links der Tür standen Tapeziertische, auf denen Chemikalienbehälter, Becken und technisches Gerät standen. Quer über den Raum waren mehrere Wäscheleinen gespannt. Auf den Wäscheleinen waren Fotos zum Trocknen aufgehängt. Mit einen unguten Gefühl tat Paulina einen Schritt in den Raum, um die Fotos genauer betrachten zu können. Es waren Fotos von toten Menschen. Einige der Fotos zeigten den gesamten Leichnam. Nackt und schutzlos. Die meisten Fotos konzentrierten sich jedoch auf Blutergüsse und Wundmale.

„Paulina?“ hörte sie ihn ihren Namen rufen. Es war seltsam. Seine Stimme passte so gar nicht zu jemandem, der sich an toten Menschen ergötzte. Dennoch rissen seine Worte sie aus ihrer Schockstarre. Nur nichts anmerken lassen.

Hastig schloss Paulina die Tür hinter sich und ging zurück ins Wohnzimmer, wo er gerade dabei war, sich ein T-Shirt überzustreifen. Er war gut einen Kopf größer als Paulina und hatte die Statur eines Unterwäschemodels. Und er sah ganz und gar nicht so aus, wie die Leichenschänder, die Hollywood zu bieten hatte. Schwiegermutters Liebling traf den Nagel auf den Kopf. Zumindest bis Schwiegermutter hinter sein kleines Hobby gekommen war.

„Guten Morgen, Paulina. Ich habe dir eines meiner Hemden raus gelegt, falls du dir etwas überziehen möchtest.“ Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln und deutete mit der Hand auf die Couch.

„Danke.“ Paulina fiel auf, dass sein Blick die ganze Zeit höflich in ihrem Gesicht verhaftet blieb als sei sie die Frau ohne Unterleib. Vermutlich war sie einfach nur entschieden zu lebendig, um ihn in Versuchung zu führen.

„Deine Kleider sind noch im Trockner.“

„Trockner?“ Mehr bekam Paulina nicht heraus. Ihr Mund war so trocken wie die Sahara. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, nahm sie das Hemd und versuchte es aufzuknöpfen. Weil ihre Hände so sehr zitterten, entschloss sie sich es komplett über den Kopf zu streifen. Es war wie verhext. Als sie den Kopf durch den Kragen strecken wollte, verfing sich eine Haarsträhne an einem der Knöpfe. Alles Zerren und Reißen half nicht. Sie hörte, wie er näher kam. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück und wäre dabei fast rücklings auf das Sofa gestürzt, hätte er sie nicht an den Schultern gepackt und abgestützt. Sie spürte, wie sich die Härchen auf Armen und Beinen aufrichteten.

Als nächstes streiften seine Fingerspitzen ihren Handrücken und ihre Haare. Sie zuckte zusammen als wäre ein heißes Eisen berührt worden.

Sein Atem strich über ihre Stirn. Paulina hielt die Luft an. Schließlich zog er das Hemd behutsam über ihren Kopf.

„Meine Güte! Du bist ja totenbleich. Willst du einen Kaffee?“

Sie musste all ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um sich nicht an Ort und Stelle zu übergeben.

„Könnte ich bitte deine Toilette benutzen?“

„Natürlich. Den Flur hinunter, zweite Tür links.“ Paulina rannte als wäre der Leibhaftige hinter ihr her. Sie schaffte es gerade noch die Badezimmertür hinter sich abzuschließen und ihren Kopf über die Kloschüssel zu halten, bevor sie sich die sprichwörtliche Seele aus dem Leib kotzte.

Es dauerte ein paar Minuten, bis das flaue Gefühl in ihrem Magen soweit verschwunden war, dass sie sich wieder aufrappeln konnte. Währenddessen lauschte sie mit geschlossenen Augen, was in der Wohnung vor sich ging. Das Knarzen des Parketts verriet ihr, dass er noch im Flur herumschlich. Was zum Teufel trieb er?

Vor ihrem geistigen Auge begann sie sich auszumalen, wie er mit einem lange Küchenmesser neben der Tür Stellung bezog, um die unliebsame Mitwisserin ein für alle Mal auszuschalten.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, klopfte er an die Tür. „Paulina? Brauchst du Hilfe?“ Klang er tatsächlich besorgt oder bildete er sich das nur ein? War es Sorge um sie oder darüber, dass sie den Braten gerochen haben könnte?

„Nein. Alles bestens.“

Sie drehte den Wasserhahn auf und begann sich den Mund mit kaltem Wasser auszuspülen. Nichts anmerken lassen.

„Am Waschbecken steht übrigens ein Kulturbeutel für dich. Bitte bedien dich, wenn du dich ein wenig frisch machen möchtest.“

Das war einmal ein vernünftiger Vorschlag. Solange er nicht erwartete, dass sie die Toilettenartikel seiner verstorbenen Mutter benutzte. Sie war angenehm überrascht. Er hatte sich mit Reiseartikel eingedeckt. Vom Duschgel bis zur Zahnpasta gab es alles erdenkliche, was frau für ihre Morgentoilette benötigte. Er hatte offenbar nicht zum ersten Mal unerwarteten Frauenbesuch. Aber wie passte das zu seiner krankhaften Fixierung? Warum hatte er ausgerechnet sie abgeschleppt? Sie musste voll wie eine Haubitze gewesen sein. Hatte ihn vielleicht die Vorstelllung angeturnt, dass sie die Nacht wie eine Tote neben ihm liegen würde?

Ein schrilles Piepsen neben ihr ließ Paulina aus ihren Gedanken hochschrecken.

„Das war der Trockner. Die Tür klemmt etwas. Darf ich reinkommen und dir helfen?“

„Nein!“

„Du musst die Tür leicht nach oben ziehen.“

„Kein Thema. Krieg ich hin.“ Was kümmerte sie die klemmende Trocknertüre, sie hatte ihr Handy neben einer Packung Kaugummi auf dem Trockner entdeckt. Offensichtlich hatte er gewissenhaft die Taschen durchsucht, bevor er den Waschgang gestartet hatte. Sie musste ihn irgendwie von der Türe weglocken.

„Hast du eigentlich meine Handtasche gesehen? Da ist mein Schminkzeug drin.“

„Klar. Ich bring sie dir.“

Sie öffnete das Badezimmerfenster und wählte die einzige Nummer, die sie auswendig kannte. Das blinkende Display sagte ihr, dass der Akku kurz davor stand, seinen Geist aufzugeben. Es musste ausreichen, um die Kavallerie anzurufen. Sie biss sich auf die Unterlippe, als Wartezeichen um Wartezeichen ertönte.

„Was hast du angestellt, Paulchen?“ meldete sich Hannas Stimme endlich am anderen Ende der Leitung. Paulina konnte am Tonfall hören, dass ihre Freundin über beide Ohren grinste.

„Du musst mich sofort abholen kommen.“

„Bist du heiser?!“

„Ich kann nicht laut sprechen. Du musst mich sofort abholen kommen.“

„Was ist denn los? War Bastian etwa nicht nett zu dir?“

„Wer?“

„Bastian. Der Mann, mit dem du den ganzen Abend so schamlos geflirtet hast.“

„Wenn Bastian in seiner Freizeit auch Leichen fotografiert, dann sprechen wir über den gleichen Typen.“

Paulina hörte, wie Hanna am anderen Ende der Leitung tief Luft holte.

„Scheiße.“ Ein metallisches Klirren, verriet Paulina, dass ihre Freundin schon zu ihrem Autoschlüssel gegriffen hatte. „Ich komm dich holen. Wo bist du?“

„Ich weiß es nicht.“

Paulina streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Die Straße kam ihr bekannt vor. Wenn sie sich nicht irrte, dann führte sie Richtung Mühlburger Tor. „Ich glaube-“ Die Verbindung brach mit einem Knacken ab. Das Handy hatte keinen Saft mehr. „…irgendwo im Musikerviertel.“ beendete Paulina den Satz und trat gegen die Badewanne. Was für ein beschissener Morgen! Was sollte sie jetzt tun? Sie traute sich nicht mehr aus dem Badezimmer, nachdem sie sich ausgemalt hatte, wozu dieser Psycho imstande sein könnte. Vielleicht sollte sie versuchen durch das Badezimmerfenster zu verschwinden? Es war gerade groß genug, dass sie sich hindurchzwängen könnte.

Draußen klingelte das Telefon. Kurz darauf polterten seine Schritte über den Flur. „Entschuldige, Paulina. Ich muss den Anruf annehmen. Ist geschäftlich.“

„Guten Tag, Herr Dr. Keppler. Sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mich zurückrufen konnten. Es geht um Herrn Bertram Viersen…“

Paulina hörte eine Tür ins Schloss fallen. Offensichtlich wollte er vermeiden, dass sie das Gespräch belauschte. Sollte ihr nur Recht sein. Solange er abgelenkt war, hatte sie freie Bahn. Sie klemmte ihre Kleider unter dem Arm und schloss die Badezimmertür auf. Der Flur lag verlassen da. Auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem schlich sie über die Dielen. Bei jedem Knarzen verzog sie das Gesicht als bereite ihr das Geräusch körperliche Schmerzen.

Sie hatte gerad ihren Fuß in ihren Schuh gesteckt, als sie seine Stimme aus dem Fotolabor dringen hörte: „Ist es denn hypothetisch möglich jemanden zu strangulieren oder zu erwürgen, ohne sichtbare Verletzungen am Hals zu hinterlassen?“

Für einen Moment kämpfte Paulina mit dem Gleichgewicht. Sie stieß mit dem Rücken unsanft an den Schuhschrank. Sie ignorierte die stechenden Schmerzen in ihrem Rücken. Sie flüchtete ins Treppenhaus. Von dort stürmte sie die Treppe nach unten und hätte dabei fast ein kleines Mädchen über den Haufen gerannt.

„Du solltest hier besser nicht alleine rumschleichen, Kleine“ sagte Paulina gehetzt, blieb aber nicht stehen.

„Wieso denn das? Im Gegensatz zu dir wohne ich hier!“

Das Mädchen streckte ihr die Zunge heraus und rannte an seiner Haustür vorbei in das darüber liegende Stockwerk. Paulina überlegte kurz, ob sie die Eltern des Mädchens über ihren sonderbaren Nachbarn aufklären sollte.

„Paulina?“

Verdammt! Warum hatte sie so viel Pech? Sie hörte, wie er ihr ins Treppenhaus folgte. In heller Panik stürmte sie auf die Straße hinaus. Sie rannte bis ihr die Puste ausging und sie weiße Mäuse vor Augen sah. Erst dann traute sie inne zu halten, um ihren Rock überzustreifen.